S 21 Alternative Streckenpläne: Wird der Südwesten abgehängt?

In großem Bogen am wirtschaftsstarken Süden vorbei? Könnte die geplante, rot markierte Straßburg-Budapest-Magistrale, die an Stuttgart, Ulm und München vorbeiführt, durch die blau markierte Alternativstrecke Frankfurt-Linz-Budapest ersetzt werden?
In großem Bogen am wirtschaftsstarken Süden vorbei? Könnte die geplante, rot markierte Straßburg-Budapest-Magistrale, die an Stuttgart, Ulm und München vorbeiführt, durch die blau markierte Alternativstrecke Frankfurt-Linz-Budapest ersetzt werden? © Foto: SWP GRAFIK, Karte: www.stepmap.de, Kartenmaterial: OpenStreetMap
Stuttgart / FRANK KÖNIG, HANS-ULI THIERER 06.02.2013
Bei Ulmer Wirtschaftsvertretern schrillen die Alarmglocken. Allein die Erwägung, dass sich der Bund aus dem Projekt Stuttgart 21 zurückziehen könnte, verursacht Debatten. Wird der Südwesten abgehängt?

Ulmer Wirtschaftsvertreter sind in Sorge, und diese Sorgen sind nicht aus der Luft gegriffen. Sie befürchten, dass bei einem Scheitern des Bahnprojekts Stuttgart 21 die Wirtschaftsregion Südwesten das Nachsehen hat. Alternative Streckenpläne ruhen bereits in der Schublade. Seit vergangenem Jahr gibt es für die transeuropäische Bahnachse von Paris über Stuttgart, Ulm und München nach Budapest eine Alternative.

Denn die EU-Kommission hat einen europäischen Kernkorridor Straßburg-Donauraum definiert, der über die bisherige Südschiene hinaus eine gleichwertige nördlich verlaufende Streckenführung über Frankfurt, Nürnberg, Passau und Linz vorsieht. Die Industrie- und Handelskammern in Ulm und Augsburg sehen darin die Gefahr, dass die künftige West-Ost-Magistrale an einem der wirtschaftsstärksten Räume vorbeiführt und im späteren Verlauf auch die Einbindung des Flughafens München in die Magistrale ausschließt.

Der Ulmer IHK-Präsident Peter Kulitz - derzeit in seiner Eigenschaft als Präsident des Industrie- und Handelskammertags Baden-Württemberg unterwegs auf Delegationsreise mit Forschungsministerin Annette Schavan in Südafrika - untermauerte gestern die Einschätzung der Kammer, dass die nördliche Korridor-Variante eine "Bedrohung" für den Süden darstellt: "Es gibt eine alternative Strecke."

Vor diesem Hintergrund ist es aus Sicht von Kulitz entscheidend, mit S 21 und der neuen Schnellbahntrasse das Nadelöhr des bisherigen Südkorridors zwischen Stuttgart und Ulm zu beseitigen. Dann erledigt sich nach dem Dafürhalten der Kammer der Nordkorridor von selbst. Auch nach dem nun bekannt gewordenen Dossier des Bundesverkehrsministeriums, das S 21 wegen der Kostenexplosion in Frage stellt, hält Kulitz das Großprojekt nicht für erledigt. Es sei nun Sache der Landesregierung, dafür zu sorgen, dass die Bahn nicht am Land vorbeifährt, und das Votum des Bürgerentscheids vom November 2011 umzusetzen: "Natürlich zu erträglichen Kosten." Kulitz hatte die Kostensteigerungen bei S 21 in Milliardenhöhe zuletzt als "ärgerlich" bezeichnet. Das lasse sich aber "wieder einfangen", betonte er noch einmal.

Der Ulmer IHK-Hauptgeschäftsführer Otto Sälzle sieht im vom Bundesverkehrsministerium lancierten gleichwertigen Nordkorridor ebenfalls ein "erhebliches Risiko" für den Süden. Bei zusätzlicher Verwirklichung der so genannten Mottgers-Spange lasse sich die Trasse problemlos mit der Schnellbahnstrecke Würzburg-Kassel verbinden: "Der Aufwand ist viel geringer."

Für die Akteure in Baden-Württemberg und Bayern sei der Nordkorridor mit der Spange ein "Riesen-Thema". Es gehe letztlich um die Frage, welche Bedeutung der südliche Wirtschaftsraum von Stuttgart bis München habe: "Man muss eine klare Infrastruktur-Entscheidung treffen." Da komme es auch auf eine Milliarde Euro mehr oder weniger nicht an. Vielmehr sei die Politik aufgerufen, einem der zukunftsfähigsten Räume die adäquate Infrastruktur zu geben.

Sälzle vertritt in der Sache nicht nur die Ulmer Interessen. Auch Ostwürttemberg, der Bodenseeraum und Bayerisch-Schwaben profitierten von einer Magistrale in der bisherigen Südversion. Das Dossier des Berliner Ministeriums wertet er schlicht als ein "Beamtenpapier: "Wer nicht will, findet Gründe."

Wenn die Zuschüsse für S 21 nicht abgerufen würden, werde das Geld "anderswo vergraben". Andere Regionen würden die Finanzmittel am liebsten für sich reklamieren: "Und die lachen dann über die dummen Schwaben."

Zusätzlich befeuert werden die Befürchtungen, der Südosten Baden-Württembergs und Bayerisch-Schaben mit dem ebenfalls an der Strecke liegenden Augsburg könnten von der schnellen Schiene abgehängt werden, durch eine pikante politische Konstellation: Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium ist Andreas Scheuer. Er hat seinen Wahlkreis ausgerechnet in der Stadt an der Donau, die durch die Nord-Trasse angebunden werden würde: Passau.

Kein Wunder, dass ein paar hundert Kilometer donauaufwärts in Ulm offen eine politische Verschwörung gegen Südwürttemberg und zugunsten Niederbayerns befürchtet wird.

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