Soziales Alleinerziehende weiter mit hohem Armutsrisiko

Berlin / Michael Gabel 03.08.2018
Alleine, mit Kind und ohne Job. Vor allen Mütter ohne Partner sind armutsgefährdet. Es gibt Kritik an der Förderung.

Der Anteil Alleinerziehender an den Familienformen hat sich in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt. Die Hauptursache für ihr erhöhtes Armutsrisiko bleibt, weil Alleinerziehende nach wie vor wesentlich häufiger ohne Job sind als der Rest der Bevölkerung.

Wieso sind so viele Alleinerziehende armutsgefährdet?

Grund ist die hohe Arbeitslosenquote vor allem unter den alleinerziehenden Müttern. Mehr als ein Viertel von ihnen war im vergangenen Jahr ohne Job, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. Zum Vergleich: Die allgemeine Arbeitslosenquote betrug im Schnitt 5,7 Prozent. Dabei möchten die meisten alleinerziehenden Mütter arbeiten. Laut einem von der Behörde vorgelegten Umfrageergebnis hätte mehr als die Hälfte der arbeitslosen Alleinerziehenden gern einen Job. Bei den nicht erwerbstätigen Müttern, die in einer Beziehung leben, sind es nur etwas mehr als ein Viertel.

Die Gefahr, arm zu werden, hat für Alleinerziehende dennoch leicht abgenommen. Woran liegt das?

Laut den Zahlen des Statistischen Bundesamts ist die Armutsgefährdung für Alleinerziehende innerhalb von sechs Jahren von 37 auf 33 Prozent gesunken. Den Grund sieht die Behörde unter anderem in der allgemein guten Wirtschaftslage, von der – in allerdings geringem Umfang – auch Alleinerziehende profitieren. Markus Grabka vom gewerkschaftsnahen Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) verweist auf die positiven Effekte der familienpolitischen Reformen der vergangenen zehn Jahre. „Gerade bei den Betreuungsmöglichkeiten für Kleinkinder hat sich in den vergangenen Jahren eine Menge getan“, sagt er der SÜDWEST PRESSE. Dies gelte allerdings vor allem für Westdeutschland, im Osten sei die Betreuungsquote ohnehin schon recht hoch gewesen. Außerdem weist er auf die in der Vergangenheit beschlossenen zusätzlichen Transferleistungen wie die Erhöhung des Kinderzuschlags hin. Er wird für Bedürftige zusätzlich zum Kindergeld ausgezahlt. Auch das Bildungspaket mit Zahlungen beispielweise für kulturelle und sportliche Aktivitäten sei im einen oder anderen Fall eine Hilfe. Doch Grabka schränkt ein: „Eine grundlegende Verbesserung für Alleinerziehende sehe ich nicht. Sie können immer noch viel zu selten einer Vollbeschäftigung nachgehen, obwohl Jobs vorhanden wären.“

Wie könnte der Staat das Armutsrisiko weiter senken?

Ein Bündnis, dem unter anderem die Arbeiterwohlfahrt und der Deutsche Kinderschutzbund angehören, fordert eine staatliche Kindergrundsicherung in Höhe von 619 Euro pro Kind und Monat. „Vom Flickenteppich staatlicher Fördermaßnahmen kommt bei den Familien meist nicht genug an“, begründet die Sprecherin des Bündnisses, Christiane Reckmann, den Vorstoß. Die Familienförderung in Deutschland sei „zu kompliziert, bürokratisch und stigmatisierend“. Wirtschaftsforscher Grabka vom DIW hält dagegen wenig von der Kindergrundsicherung. Für ihn seien solche Maßnahmen „reine Symptombekämpfung“, sagt er. „Das Geld, das man für die Grundsicherung ausgeben würde, sollte man lieber in den weiteren Ausbau der Kinderbetreuung stecken.“ Er schlägt vor, dass bundesweit die Betreuungsangebote in den Randstunden des Tages ausgebaut werden. Auch Nacht-Kitas solle es vermehrt geben: „Wir wissen, dass viele Alleinerziehende gern arbeiten würden. Doch die Tätigkeiten, die beispielsweise im Einzelhandel und in der Pflege angeboten werden, sind nicht mehr die früher üblichen 9-bis-17-Uhr-Jobs. Darauf muss man reagieren.“

Werden Alleinerziehende durch die Steuergesetzgebung benachteiligt?

Wirtschaftsforscher Grabka ist davon überzeugt. Er regt für Familien eine Individualbesteuerung an, bei der es dann „eine einheitliche Behandlung unabhängig von der Lebensform“ gebe. Gegenüber unverheirateten Paaren mit Kindern seien Alleinerziehende durch einen steuerlichen Entlastungsbeitrag derzeit sogar etwas bessergestellt. Aber durch eine Individualbesteuerung würde auch das Ehegattensplitting wegfallen, von dem verheiratete Eltern in der Regel überdurchschnittlich profitieren.

In welchen Regionen Deutschlands gibt es besonders viele Alleinerziehende?

Berlin steht in der Liste ganz oben. Der Anteil der Allein­erziehenden an allen Familien mit minderjährigen Kindern beträgt dort 27,6 Prozent, eine Steigerung von 2,8 Prozentpunkten gegenüber 1997. Sachsen-Anhalt liegt mit 25,6 Prozent (plus 8,4 Prozentpunkte) an der Spitze der Flächenländer. Den geringsten Anteil an Alleinerziehenden hat nicht mehr Bayern (vor 20 Jahren 12,2 Prozent, jetzt 16,2 Prozent), sondern Baden-Württemberg (15,3 Prozent, plus 2,6 Prozentpunkte).

Steigt der Anteil alleinerziehender Väter?

Nein. Aus den Unterlagen des Statistischen Bundesamts geht hervor, dass der Anteil der Väter seit 1997 konstant bei 10 bis 13 Prozent liegt. Im vergangenen Jahr waren es 12 Prozent. Interessant: Alleinerziehende Väter arbeiten mehr als doppelt so häufig Vollzeit wie Mütter. Das Statistikamt führt den Unterschied unter anderem darauf zurück, „dass alleinerziehende Väter seltener verantwortlich für die Erziehung kleiner Kinder sind“. Dies ermögliche eher die Aufnahme einer Vollzeittätigkeit.

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