Therapieform Alkoholismus: Im Sog der Sucht

Berlin / Christopher Braemer 05.10.2018

Die WG-Morgenluft in der Seydlitzstraße riecht nach Bockwurst und Schnapsfahne. Zum Frühstück in der Wohngemeinschaft (WG), die nur ein paar Meter vom Berliner Hauptbahnhof entfernt liegt, gibt es eine solide Grundlage. Am Tisch sitzen Peter Schulz, Sven Huber, Mario Schmidt und Thomas Wolf (alle Namen von der Red. geändert). Gegen den Flattermann am Morgen hilft nur der Wodka, erklärt Schmidt beim Frühstück. Er säuft seit 25 Jahren: Korn, Weinbrand, Whiskey, Wodka. Trinken ist in der Wohnung verboten, nicht aber auf der Straße, auch wenn sich nicht immer dran gehalten wird.

Die Trinker-WG „Cumfide“ funktioniert wie eine normale WG. Es wird gemeinsam gefrühstückt, es gibt einen Putzplan und ab und zu mal einen Streit. Aber: In dieser WG sterben die Mitbewohner, fünf Männer bisher seit der Gründung vor sieben Jahren. Rainer, Jimmi, Selke, Volker und Bernd waren  Ende 50, Anfang 60. Der Alkohol hat sie dahingerafft.  Den anderen Bewohnern droht dasselbe Schicksal. Schulz ist Spiegeltrinker, Huber und Wolf Gamma-Trinker, Schmidt trinkt sich – wenn er trinkt – bis ins Koma. Hooligan-Szene, Kindheitstraumata, oder Gefängnis – jeder hier hat seine ganz eigene Geschichte.

In der WG in der Seydlitzstraße 22 wohnen Menschen, die alles versucht haben, um ihrer Sucht zu entfliehen – Entzugskliniken, Selbsthilfegruppen, Psychiatrien.  „Aber nichts hat funktioniert“, sagt Mathias Förster.  Manch einer würde sagen: Diese Menschen sind hoffnungslose Fälle. Nicht so Förster. Der 35-Jährige und seine Kollegen betreuen sie im 24-Stunden-Schichtsystem. Bundesweit gibt es etwa 400 000 Trinker, die chronisch abhängig sind, sagt Frank Härtel, Leiter der Kommission Sucht und Drogen in Sachsen.

Schulz, Huber, Schmidt und Wolf passen nicht in die Logik, mit der sich Sozialstaat und Medizin dem Problem nähern. Abstinenz ist in den allermeisten Fällen immer noch das Therapieziel, obwohl das kontrollierte Trinken in der Suchthilfe kontrovers diskutiert wird. Deswegen gibt es nur wenige Einrichtungen für nicht abstinente Alkoholiker. In Berlin sind das neben „Cumfide“ etwa das „Haus Schöneweide“ und die „Bürgerhilfe Verbundwohnen“.  Auch die Caritas oder das Klinikum in Stuttgart oder beispielsweise das Trockendock im ostbrandenburgischen Wriezen bieten Gruppenprogramme zum kontrollierten Trinken an.

„Wenn wir sie nicht betreuen würden, dann wären sie irgendwo auf der Straße, im Knast oder in der Psychiatrie. Wir ermöglichen ihnen die Teilhabe an der Gesellschaft“, sagt Förster von „Cumfide“. Der Sozialarbeiter lenkt sie von ihrer Sucht ab: Sie frühstücken nicht nur,  gehen in den Zoo, oder machen Urlaub am Großvätersee in Brandenburg, da waren sie Anfang September. „Ohne uns würden sie nicht mal auf die Idee kommen, zu frühstücken.“ Die Plätze in der WG sind begrenzt. Der Bedarf ist größer als das Angebot: Es gibt 18 Plätze in zwei WGs in Berlin Mitte, auf sie kommen 1200 durch Alkohol psychisch beeinträchtigten Menschen.

Alkohol gilt in Deutschland als „Kulturgut“, wir sind weltspitze im Trinken. Knapp 1,8 Millionen Menschen in Deutschland sind alkoholabhängig. Die Folge: Leberzirrhosen, Gehirnschäden, Herzmuskelerkrankungen sowie Leber-, Mund- oder Speiseröhrenkrebs. Alkohol tötet jährlich rund 74 000 Menschen in Deutschland, meldet die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Die Kosten summieren sich Schätzungen zufolge auf knapp 40 Milliarden Euro – für Behandlungen, Arbeitsleistungsausfall, Frühberentung, Erwerbsunfähigkeit oder frühzeitigen Tod.

Hilfe ist rar für die Alkoholiker, die nicht mit dem Trinken aufhören können. Von den knapp zwei Millionen Alkoholabhängigen in Deutschland bekommen nur 10 bis 15 Prozent professionelle Hilfe – oft erst viel zu spät nach 10 bis 15 Jahren Abhängigkeit. Bei keiner anderen Volkskrankheit sei die Behandlungslücke so groß, sagt der Suchtforscher Karl Mann.  Er plädiert dafür,  auch anderen Ansätzen als dem Verzicht eine größere Chance zu geben.

Welches Konzept zu wem passt, das müssen Ärzte, Therapeuten und Patienten gemeinsam herausfinden, sagt Marlene Mortler, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung.  Ein Allheilmittel gebe es nicht.

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