Alexej Nawalny Alexej Nawalny: Putins einziger Gegenspieler

Umstrittener Hoffnungsträger: Der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny.
Umstrittener Hoffnungsträger: Der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny. © Foto: Evgeny Feldman/Navalny‘s campaign/AP/dpa
Moskau / Stefan Scholl 24.11.2017

Eine Traube roter Luftballons steigt zwischen Schneeflocken auf, darüber fliegt eine Kameradrohne, noch weiter oben zieht ein Schwarm Wildgänse nach Südwesten. Darunter, auf dem Platz vor dem Wladimir-Denkmal, warten etwa 1500 Menschen auf Alexej Nawalny; auf den selbsternannten Putin-Herausforderer, auf den Kämpfer gegen die Korruption, auf den Popstar der russischen Opposition.

Dessen dunkelblonde Haare sind an diesem Tag zu einer Tolle frisiert, er trägt Halbschuhe, Jeans, schwarze Jacke und Schal, als er auf die Bühne springt. „Hallo Smolensk!“

Alexej Nawalny, 41, ist auf Wahlkampftour. Seit September besucht er jedes Wochenende zwei bis drei russische Provinzhauptstädte. Diesmal Ischewsk, Wolgograd und Smolensk – 5100 Reisekilometer, 2. Klasse, in Fliegern oder Regionalzügen. Nie zuvor hat ein Präsidentschaftskandidat Russlands übergroße Geographie so gründlich in Angriff ­genommen. Dabei ist Nawalny, dessen Tour im Oktober durch 20 Tage Arrest unterbrochen wurde, gar kein Präsidentschaftskandidat. Und er hat kaum ­Aussichten, bei den Wahlen im März 2018 gegen Wladimir Putin antreten zu ­können.

Die Staatsgewalt blockiert, wo sie kann

Seine Auftritte laufen selten ungestört ab. In Smolensk sagt er keine zwei Sätze, da beginnt rechts der Bühne ein Handgemenge, Jungsportler in Trainingsanzügen bedrängen die Polizeikette. „Da kommt Putin angerannt“, verkündet Nawalny amüsiert und bittet den Anführer selbst herauf. Ein gut gekleideter Herr, Georgi Grez, Rektor der örtlichen Akademie für Körperkultur. Grez ergreift das Mikrofon und beginnt, den Politiker zu beschimpfen: Er wolle auf diesem heroischen Boden, wo jeder Zentimeter mit dem Blut der Väter getränkt sei, Zwietracht säen. Schon vor sieben Jahren habe dieser Vagabund seine Akademie mit der Behauptung beleidigt, sie habe überteuerte Technik erworben. „Ja, ich erinnere mich“, Nawalny grinst, „Sie haben einen Kleinbus zum doppelten Marktpreis eingekauft.“ Die Menge lacht.

Die Staatsmacht blockiert ihn, wo sie kann. Seine Rede in Smolensk wurde erst beim 36. Antrag bewilligt, sein Stabschef vor Ort für acht Tage eingesperrt, Lehrer und Dozenten verlangten von Schülern und Studenten schriftliche Erklärungen, sie würden die Kundgebung meiden. Anderswo werden seine Büros gestürmt, er selbst wird immer wieder festgenommen, auf der Straße schüttet man ihm ätzenden Farbstoff ins Gesicht. Politiker nehmen Nawalnys ­Namen nicht in den Mund, die Staatsmedien nur, um ihn als bezahlte US-Marionette anzuschwärzen.

Seit Jahren versucht die Justiz, Nawalny die Flügel zu stutzen. Er wurde als Holzdieb vor Gericht gestellt und als Betrüger. Eine umstrittene fünfjährige Bewährungsstrafe wurde nach einer Rüge des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte aufgehoben. Aber man verhandelte den Fall eilig neu, um ihn diesen Februar wieder zu fünf Jahren auf Bewährung zu verurteilen. Das reicht juristisch, um ihm jede Kandidatur zu verweigern. Er aber kämpft ungerührt weiter. Und seine Parolen treffen die wundesten Punkte des in Schmiergeld getränkten Regimes.

„Unsere Beamten haben die komplette Südküste Frankreichs gekauft“, ruft er den Leuten in Smolensk zu. „Wenn ich Präsident bin, schränke ich die Korruption um 80 Prozent ein. Ich verspreche euch, ich bringe all diese Leute ins Gefängnis. Wollt ihr das?“ Junge Stimmen rufen: „Ja!“

Nawalny verspricht, schimpft, scherzt, hebt Zeigefinger, Arme und Augenbrauen, rotiert über die Bühne. Sein Auftritt ist lebhaft und hat doch etwas Einstudiertes. „Seine Technik erinnert mich an amerikanische Fernsehprediger“, sagt der Kameramann Jewgeni Kurbatow. Der Kandidat wirkt auf amerikanische Art perfekt: Ein 1,88-Meter-Mann, schlank, blond, selbstsicher, mit blonder, schlanker Ehefrau und zwei blonden Kindern.

Seit 2008 fahndet Nawalny als Minderheitenaktionär nach veruntreuten Geldern in Staatskonzernen und stellt die Ergebnisse ins Internet. Er gründete die Antikorruptionsstiftung FBK, ihre Website wurde zentrales Enthüllungsorgan für russische Schmiergeldaffären. Sein Film über die Reichtümer von Premier Dmitri Medwedew sahen 25 Millionen Russen, der Oppositionspolitiker nutzte ihn als Trailer für Antikorruptionsproteste, die im März Zehntausende auf die Straße brachten.

Danach reiste er durch dutzende Regionalhauptstädte, eröffnete Stäbe, rekrutierte zehntausende freiwillige Helfer. Ein landesweites Netz von Unterstützern, die jetzt eifrig Unterschriften für seine Kandidatur sammeln. Mehr als 40 000 Menschen haben umgerechnet 2,9 Millionen Euro für seinen Wahlkampf gespendet. Seine Website ist mit sieben sozialen Kanälen verlinkt: mit Twitter, ­Instagram, Youtube, Facebook und drei russischen Plattformen. Parallel zur staatlichen TV-Welt ist eine oppositionelle Realität entstanden. Nawalny mausert sich zum Angstgegner des Kremls.

An Selbstzweifeln scheitert er nicht

Nach dem Auftritt in Smolensk sitzt er mit ein paar Begleitern im McDonalds und wartet auf den Zug nach Moskau. Draußen der Winter, drinnen Nawalny mit den aufgekrempelten Ärmeln seines karierten Hemdes. „Russland hat 1000 Jahre unter der Knute gelebt, die letzten 100 Jahren in einem völlig totalitären Staat. Es wäre naiv zu erwarten, dass wir morgen alle vollkommene Demokraten sind.“ Nawalnys heisere Bühnenstimme klingt im Interview deutlich leiser, geschmeidiger, flinker. „Die Leute, die einen neuen Zaren oder die harte Hand Stalins wollen, mögen sehr laut sein, aber sie sind in der Minderheit. Die Mehrheit hier will, dass Russland ein normales europäisches Land wird.“

Nawalny gilt vielen russischen Demokraten als Nationalist. Wieso er viele Jahre am „Russischen Marsch“ in Moskau teilnahm, wo die Hauptparole „Russland den Russen“ lautete? „Auch diese Leute haben ein Recht, sich an der Politik zu beteiligen“, sagt er. „Es wäre falsch, sie ins Gefängnis zu stecken.“ Und der Videoclip, in dem er aufrief, Insekten mit Fliegenklatschen und kaukasische Gang­ster mit Revolvern zu beseitigen? Das ­Video sei kein Fehler gewesen. Ganz kurz legt sich die Stirn des großen Mannes in Querfalten. „Ich war damals dafür, den Besitz von Faustfeuerwaffen in Russland zu ­legalisieren, und ich bin es heute.“

Der Dokumentarfilmer Konstantin Woronkow schrieb 2011 Nawalnys erste Biografie. Er sagt, dieser sei auch früher fest von dem überzeugt gewesen, was er tat. An Selbstzweifeln wird der Kandidat jedenfalls kaum scheitern. Nawalny erklärte Woronkow damals, seine Motivation als Korruptionsbekämpfer bestehe zu 80 Prozent aus dem Hass auf die Diebe im Kreml. Diesen Hass hätten die Repressalien gegen Nawalny und seine Familie noch geschürt, glaubt Woronkow. „Sie sperren ihn ständig ein, sein Bruder sitzt seit Jahren im Gefängnis. Für nichts. Er muss sie aus tiefster Seele hassen.“ Die Frage sei, ob die Vergeltung für Nawalnys Peiniger rechtsstaatlich sein wird, sollte er an die Macht kommen.

Manche Liberale glauben, als Präsident wäre Nawalny eine Katastrophe. Ein von Machtgier getriebener Egozentriker, der keine Autoritäten neben sich dulde. „Sein Hauptproblem ist, dass er eine Ein-Mann-Schau veranstaltet. Wie vor ihm Boris Jelzin, Alexander Lukaschenko in Weißrussland oder Swiad Gamsachurdia in Georgien“, sagt der Politiker Wladimir Ryschkow. Die hätten auch als Korruptionsbekämpfer angefangen und seien dann ins Autokratische abgerutscht. Andere Oppositionelle fürchten eher, Nawalny könnte sein Engagement eines Tages mit dem Leben bezahlen – so wie Regimegegner Boris Nemzow 2014.

Luftballons und Wildgänse sind in der Dämmerung verschwunden, auch die Menge verläuft sich. Der selbsternannte Präsidentschaftskandidat hat fast allen gefallen, aber kaum jemanden begeistert. Sein Auftritt sei populistisch gewesen, sagen 40- wie 20-Jährige. Viele seiner Versprechen zweifeln sie an. Trotzdem: Alle sind froh, dass er da war. „Endlich eine Alternative.“ Und wenn er als Präsident selbst diktatorische Neigungen zeigen wird? „Das zu verhindern“, sagt Anastasia, Studentin und Nawalny-Volontärin, „ist dann unsere Sache.“

Auch in der Opposition umstritten

Geboren wurde Alexej Anatoljewitsch Nawalny 1976 in Butyn vor den Toren Moskaus. Er studierte Rechtswissenschaften in Moskau und spezialisierte sich auf Wertpapiere und Börsenhandel. Seine politische Karriere begann er Ende der 90er Jahre bei der Partei ­Jabloko, einem Sammelbecken demokratisch-liberaler Kräfte in Russland, aus der er
im Jahr 2007 wegen interner Streitigkeiten ausgeschlossen wurde. Seither hadert die ­Oppositionsbewegung mit Nawalny. Einerseits fällt er immer wieder mit nationalistischen ­Tönen („Russland den Russen“) auf und spricht sich für ein liberaleres Waffenrecht aus. Andererseits ist Nawalny der einzige Oppositionspolitiker mit Breitenwirkung: Bei den Bürgermeisterwahlen 2013 in Moskau schaffte er aus dem Sprung heraus 27 Prozent. tock

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