Raumfahrt Alexander Gerst hebt wieder ab

Baikonur / Sven Kaufmann 06.06.2018
Am Mittwoch startet Alexander Gerst der zum zweiten Mal zur ISS. Sechs Monate wird der Künzelsauer im All leben und arbeiten.

Es wird gewaltig wackeln und donnern, wenn Alexander Gerst und seine Kollegen Sergej Prokopjew und Serena Auñón-Chancellor in eine enge Kapsel gezwängt mit 26 Millionen PS unter den Hintern von Baikonur aus ins All brettern. Für Gerst ist das, wie er im Februar im Trainingszentrum bei Moskau erzählte, ein „absolut großartiges Gefühl“ – andere würden das schlichtweg einen Höllenritt nennen.

Mehr als zwei Jahre lang haben der Künzelsauer und sein Team auf diesen Tag in Baikonur und die kommenden sechs Monate im lebensfeindlichen All hingefiebert. Sie haben in Moskau, Houston und Köln Manöver wie Start, Landung und Andocken hundertfach geübt. Zudem ließen sie sich in Zentrifugen herumwirbeln und bei Brand-Simulationen in der Kapsel von Qualm einnebeln, in Tauchbecken mussten sie Stunden lang Außeneinsätze üben: Die Astronauten der Mission „Horizons“ sind perfekt vorbereitet. Sollte es am Mittwoch beim Start oder später im All Probleme geben, werden Prokopjew als Pilot des Sojus-Raumschiffes und Gerst als Co-Pilot agieren wie Roboter.

Und wenn sich am Freitag nach dem Andocken die Luke der ISS öffnet, betritt Gerst eine exklusive Welt: die ISS, eines der aufregendsten Projekte der Menschheitsgeschichte. Doch warum tut er sich diesen Stress an?

Gerst war und ist nicht nur extrem wissbegierig, sondern auch äußerst zielorientiert. Erzählt der 42-Jährige von seiner Karriere, klingt das wie eine Bilderbuch-Story über berühmte Abenteurer. Schon als Kind hat er Interesse an Natur und fernen Ländern, zudem ist er Fan der TV-Science-Fiction-Serie „Captain Future“. Als Jugendlicher folgen Rucksack-Reisen durch Australien und Neuseeland. Später das Geophysik-Studium in Karlsruhe samt Vulkanforschungs-Trip in die Antarktis.

Und schließlich – so ganz nebenbei – der Schritt in die Raumfahrt: 2008 schlägt er sich unter 8400 Bewerbern in „sauschweren Tests“ so gut, dass er tatsächlich Esa-Astronaut wird und schon 2014 für sechs Monate zur ISS fliegen darf. Als elfter Deutscher im All und dritter deutscher Astronaut auf der Raumstation. Jetzt kehrt er dorthin zurück, für die zweite Hälfte der Zeit sogar als Commander – der erste aus Deutschland. Beeindruckend.

Man darf gespannt sein, was noch folgt. Denn der Bergsteiger, Snowboarder und Unicef-Botschafter hat Visionen, sein Horizont endet nicht an der ISS. Er blickt, wie er jüngst erzählte, weiter hinaus. Durchaus bis zum Mond, oder auch zum Mars. Er will „all die Geheimnisse entdecken“, die in den Weiten des Alls verborgen sind. Sein persönlicher Raketenantrieb? Die Neugier.

Außerdem habe er immer das Bedürfnis gehabt, sein Wissen und seine Erlebnisse allen mitzuteilen, betonte er weiter. Das hat ihn zu einer Art Pop-Star gemacht, nicht nur unter Raumfahrt-Fans. Auf seiner Twitterseite hat er als „Astro-Alex“ rund 1,1 Millionen Follower, denen er schon beim ersten Aufenthalt 2014 klug und unterhaltsam die Welt da oben erklärte. Das will er auch fortsetzen, nachdem er am Freitag sein altes Zuhause 400 Kilometer über der Erde wieder betreten hat, das mit 28 000 Stundenkilometern um die Erde rast.

Gerst ist für die Raumfahrt nicht nur als Astronaut ein Glücksfall, sondern auch als Botschafter für die Sache: „Astro­Alex“ ist ein Kommunikationstalent. Wenn er steuerzahlenden Kritikern erklärt, dass jeder in die Raumfahrt investierte Euro doppelt zurückkomme, nimmt man ihm das ab. Ebenso, wenn er betont, dass man beim Blick auf unsere überraschend kleine Erde keine Grenzen sehe und dass wir uns „klarmachen müssen, dass wir nur einen Planeten haben“.

Und so wirkt der öffentliche Gerst wie ein vertrauter Kumpel, quasi ein Astro-Star ganz ohne Allüren, der bei seiner Rolle aber auch Grenzen zieht. Über seine Freundin bei der Esa etwa erfährt man kaum etwas, und auf die Frage, ob er religiös sei, antwortet er höflich: Das sei privat.

Trotz all der Perfektion und des langen Trainings fragt man sich, ob er nicht auch einfach mal Angst habe, wenn er – übrigens zur Musik von „Captain Future“ und Hannes Waders „Heute hier, morgen dort“ im Kopfhörer – abhebt? Darauf antwortet der Künzelsauer nüchtern: „Wenn das so wäre, wäre ich nicht Astronaut geworden.“ Sogar das glaubt man ihm gerne.

Viel Arbeit im Labor

Alexander Gerst wird viele Experimente in der Schwerelosigkeit betreuen. Insgesamt mehr als 60 Versuche sollen Erkenntnisse für die Menschen auf der Erde und die Erkundung des Alls bringen. Einige Beispiele.

Energie Ein Experiment etwa testet Sand und Granulate unter Schwerelosigkeit, es soll wichtige Hinweise für die Industrie und zur Energie-Einsparung bringen.

Biologie Bei „Myotones“ will man die biomechanischen Eigenschaften des ruhenden menschlichen Muskels untersuchen. Die Ergebnisse sollen auch in die Rehabilitation nach Knochenbrüchen einfließen. Ein Forschungsprojekt befasst sich mit der Auswirkung von Stress auf das Immunsystem.

Künstliche Intelligenz Gerst erhält mit „Cimon“ einen kugelförmigen Roboter mit Gesicht, der auf Sprachbefehle hört. „Cimon“ kann bei Wartungsarbeiten helfen, reparieren, Experimente dokumentieren oder auch als Gesprächs- und Trainingspartner fungieren.

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