CDU AKK macht bei der CDU das Rennen

Vor der Abstimmung beim CDU-Parteitag: Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn.
Vor der Abstimmung beim CDU-Parteitag: Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn. © Foto: Kay Nietfeld/dpa
Hamburg / Von Ellen Hasenkamp 08.12.2018

Sie hat als Regierungschefin kaltblütig eine Koalition gekündigt. Sie hat als Mutter eines wenige Wochen alten Säuglings den Knochenjob als Bundestagsabgeordnete angetreten. Sie hat als erste Frau in Deutschland ein Innenministerium übernommen. Annegret Kramp-Karrenbauer hat normalerweise Nerven aus Stahl. Doch jetzt fließen die Tränen, sie wischt und wischt, es läuft und läuft. Es ist 16.56 Uhr, und das Ergebnis der Stichwahl für die CDU-Spitze lautet 517 für sie und 482 für Friedrich Merz. AKK hat das vor fünfeinhalb Wochen gestartete Rennen um den Parteivorsitz gewonnen. Es ist der größte politische Tag im Leben der Frau aus dem kleinen Saarland.

Auf der Bühne schließt die jetzt ehemalige Parteichefin Angela Merkel ihre Nachfolgerin in die Arme. Frau folgt Frau, wer hätte das gedacht in einer Partei, die zu 74 Prozent aus Männern besteht, in der von den tausend Parteitagsdelegierten nur 343 weiblich sind und in der sich die Herren immer wieder zu der Frage zu Wort melden, wer denn nun das Megatalent Merkel entdeckt, gefördert und geformt habe.

Kramp-Karrenbauer hat sich inzwischen wieder gefangen. 52 Prozent, das ist die Mehrheit, aber knapp. 18 Stimmen mehr für Merz und das Ding wäre andersherum ausgegangen. Und genau das wird Kramp-Karrenbauer nun zu schaffen machen. Sie muss leisten, was hinter ihr als Parteitagsmotto prangt: Zusammenführen. Sie muss nun eine CDU beisammen halten, die zwar durch den Wettkampf belebt wurde, wo nun aber auch Enttäuschungen und Frust bei fast der Hälfte der Christdemokraten zurückbleiben. Kramp-Karrenbauer fängt gleich damit an: „Ich würde mich sehr freuen, wenn sowohl Jens Spahn als auch Friedrich Merz bereit wären, an dieser Aufgabe mitzuarbeiten.“

Bis zum letzten Moment hat AKK geschuftet. Im Kellergewölbe des Hamburger Rathauses besucht sie am Vorabend der Entscheidung noch die Kommunalpolitische Vereinigung der CDU. Kramp-Karrenbauer steht im Getümmel; Schulterklopfen, Selfies, Händeschütteln. Es ist ein letztes Stimmensammeln und AKK weist in ihrer Ansprache vehement eine Sichtweise zurück, die sie in einer Zeitung gelesen hat: Merz oder Untergang. „Wenn wir es so diskutieren, dann wird es auch der Untergang“, schimpft sie.

Zusammenführen, diesen Sound schlägt auch Merkel in ihrer Rede an – und hat damit womöglich AKK die entscheidenden Stimmen in die Wahlurnen getrieben. Vielleicht hat aber auch der Franzose Joseph Daul mit seinem Grußwort einen Fingerzeig gegeben. Der 71-jährige Chef der europäischen Konservativen mahnte aus seiner Straßburger Perspektive, die Kanzlerinnenschaft von Merkel nicht zu vergessen: „Wir brauchen sie in diesen schweren Momenten noch in Europa.“ Mit wem der drei Kandidaten er dies am besten gewährleistet sieht, sagt der Elsässer natürlich nicht. Zumindest nicht ausdrücklich.

Als die Wahl um kurz vor zwei am Nachmittag beginnt, macht Kramp-Karrenbauer den Anfang – und die Spannung im Saal ist fast so hoch wie die Temperaturen. Annette Widmann-Mauz, die Chefin der Frauen Union, hüpft in ihrem knallroten Kleid auf ihrem Platz ein bisschen auf und nieder, so heftig schlägt sie die Hände zusammen, als AKK die Bühne betritt. Kramp-Karrenbauer ist nervös, sie trinkt erstmal einen Schluck Wasser und verschwindet in ihrem schwarz­weißen Jackett optisch fast vor dem grauen Hintergrund. Sie beginnt fahrig, kommt dann aber in Fahrt und trifft mit ihrem kämpferischen, zukunftsgewandten und auch sehr persönlichen Rede den Ton. „Es kommt mehr auf die innere Stärke als auf die äußere Lautstärke an“, sagt sie.

Merz dagegen, der gefürchtete Redner, bleibt unter seinen Möglichkeiten. Er spricht über China und den europäischen Binnenmarkt, und im Saal bleibt es still. Er rechnet ab mit der Politik der vergangenen Jahre, den Jahren ohne ihn: Umweltpolitik widersprüchlich, Vertrauen in Sachen Innere Sicherheit verspielt, Kommunikation unscharf.

Jens Spahn spricht – seinem Nachnamen und dem Alphabet geschuldet – als letzter. Vielleicht vor lauter Aufregung, vielleicht aber auch als Zeichen seines Unangepasst-Seins hält er sich nicht erst mit höflichen Anreden auf, sondern legt direkt los und weist selbst auf seine Außenseiter-Rolle hin. Am Ende erntet er im ersten Wahlgang fast 16 Prozent, das ist mehr als ein Achtungserfolg. Und Spahn tritt dann auch gleich wieder an fürs Parteipräsidium. Merz dagegen verzichtet auf die Kandidatur für weitere Parteiämter. Am Abend werden dann die fünf CDU-Vizes ganz ohne Kampfkandidaturen wiedergewählt. Die Revolution bei der CDU bleibt aus.

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