Demografie Afrikas Bevölkerungswachstum bringt Westen unter Druck

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Afrika / Wolfgang Drechsler 03.08.2017

Die Trends könnten gegensätzlicher kaum sein: Während das Wirtschaftswachstum im Afrika südlich der Sahara 2016 auf wenig mehr als ein Prozent geschmolzen ist, wächst die Zahl seiner Menschen mit rund 2,7 Prozent fast doppelt so stark. Die Folge: die Zahl der in Armut lebenden Afrikaner liegt heute absolut betrachtet höher als noch 1990. Millionen junger Afrikaner gehen deshalb weg.

Besonders alarmierend ist, dass sich Afrikas Bevölkerungswachstum nicht annähernd so schnell verlangsamt wie Experten dies noch vor zehn Jahren erwartet hatten. Inzwischen gehen die Vereinten Nationen davon aus, dass Afrika im Jahr 2050 rund 2,4 Milliarden und nur 50 Jahre später über vier Milliarden Menschen zählen wird. Sollten die Projektionen eintreten, würden am Ende des Jahrhunderts 40 Prozent der Weltbevölkerung in Afrika leben – viermal mehr als in Nordamerika und Europa zusammen.

Eine Vervierfachung der Bevölkerung des Kontinents in weniger als drei Generationen dürfte die Zahl der Afrikaner, die anderswo ein besseres Leben suchen. um ein Mehrfaches steigern. Dies liegt schon daran, dass Afrika einen immer größeren Anteil der jungen Menschen weltweit stellen wird: Im Jahr 2100 dürften hier fast die Hälfte aller Erdbewohner unter 14 Jahre leben. Dabei kann schon jetzt fast kein afrikanisches Land seine Bevölkerung selbst ernähren, geschweige denn ohne Industrie die notwendigen Jobs schaffen.

Sicher ist, dass die Bekämpfung der Fluchtursachen ein sehr langfristiges Unterfangen sein dürfte. Auch gilt, dass ein stärkeres Engagement des westlichen Privatsektors in Afrika den nun dringend notwendigen, rigorosen Schutz von Europas Außengrenzen nicht ersetzen kann.

Wie stark der Traum von einer besseren Zukunft im Westen in Afrika ist, zeigen aktuelle Zahlen: So kamen in den ersten drei Monaten fast 50 Prozent mehr Afrikaner in die EU als noch Anfang 2016, fast alle nach Italien. Die Bundesregierung rechnet für ganz Europa mit bis zu 400 000 Flüchtlingen aus Afrika 2017.

Wer jedoch glaubt, der enorme Zuwachs würde sich mit mehr Wohlstand in Afrika von selbst erledigen, unterliegt einem Trugschluss. Denn das patriarchalisch geprägte Afrika folgt eigenen kulturellen Regeln. Häufig entscheidet allein der Mann über die Familienplanung. Nirgends ist der Druck auf kinderlose Frauen größer als in Afrika. So werden Frauen, die keine Kinder kriegen wollen oder können, oft verlassen. Um dies zu ändern, müssten die Machtstrukturen zwischen Mann und Frau reformiert werden. Doch das braucht Zeit, die Afrika nicht mehr hat.

Ob sich die Lage noch wenden lässt, hängt vor allem davon ab, ob der Westen Afrikas Führer gerade in Fragen der Bevölkerungskontrolle viel stärker als bisher in die Pflicht nimmt. Der immer größere Druck an den Außengrenzen Europas und das Wissen, dass sich Afrikas Wirtschaftslage – wenn überhaupt – nur sehr  langfristig verbessern lässt, könnte im Westen zum Weckruf für eine realistischere Politik gegenüber dem Nachbarkontinent im Süden werden.

leitartikel@swp.de

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