Es fehlt in Afrika nicht an Zwangsmaßnahmen. Auch dort werden Grenzen geschlossen. In Ruanda oder im Senegal haben die Behörden öffentliche Veranstaltungen untersagt. In Südafrika wurde der Notstand ausgerufen. ­Kenia lässt keine Menschen einreisen, die aus Ländern mit Corona-Infektionen kommen. Andere Länder handeln ähnlich.

Die Abschottung läuft. Oder zumindest der Versuch. In vielen Fällen sind die Grenzen ja nicht mehr als Striche auf der Land­karte. Leicht hat es vergleichsweise Madagaskar. Der Inselstaat hat alle Flugverbindungen nach Europa eingestellt, als es noch keinen einzigen Corona-Fall gab. ­Kenia oder Nigeria etwa setzen neben Einreisestopps und auch auf ein Verbot von Versammlungen.

Die Seuchenherde sind jetzt außerhalb Afrikas

Während früher Europa Angst vor Epidemien hatte, die in Afrika ihren Ursprung hatten, ist es jetzt umgekehrt. Europa, China und die USA sind die Seuchenherde, die Afrika bedrohen. Bislang noch in überschaubarem Ausmaß. Mehr als 40 Länder melden Erkrankungen, mehr als 1000 Menschen gelten inzwischen infiziert, für mindestens 17 war das Virus tödlich. „Tatsächlich sind die Fallzahlen noch gering“, meint Simone Pott, Sprecherin der deutschen Welthungerhilfe. „Das kann daran liegen, dass noch nicht viele Tests gemacht werden können. Es kann aber auch sein, dass bisher tatsächlich wenig Menschen infiziert sind. Das weiß einfach niemand.“ Fünf Labore für Corona-Tests existieren mittlerweile allein in Nigeria. Im Januar waren es in ganz Afrika zwei.

Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa spricht schon jetzt von einer „nationalen Katastrophe“. Und fast überall in Afrika hegt man schlimme Befürchtungen. Pott versteht das gut. „Wenn es zu einem Ausbruch käme, dann wäre das ausgesprochen besorgniserregend. Die meisten afrikanischen Länder, sind auf eine solche Epidemie nicht vorbereitet. Nur Länder wie die Demokratische Republik Kongo, Sierra Leone oder Liberia haben wegen Ebola Erfahrungen gesammelt.“

Letzter Ebola-Patient geheilt

Erst kürzlich wurde die vorerst letzte Ebola-Patientin in der ostkongolesischen Stadt Beni als geheilt entlassen. Noch gibt es keine offizielle Entwarnung. Louis Dorvilier, Landesdirektor der Welthungerhilfe im Kongo, spricht trotzdem von „großartigen Neuigkeiten, wenn ausgerechnet während der Covid-19-Krise der Sieg über Ebola verkündet würde“. Das könne, wenn es denn endgültig feststeht, „auch außerhalb der Demokratischen Republik Kongo Hoffnung geben“.  Gleichzeitig verweist Dorvilier auf das völlig desolate Gesundheitssystem und die schlecht funktionierende Infrastruktur in dem 90-Millionen-Land. Es erfordere größere Anstrengungen, „um die Rückkehr von Ebola oder das Auftreten anderer Krankheiten zu verhindern“.

Höhere Mortalitätsrate bei Ebola

Im Kongo waren nach offiziellen Angaben  2264 von 3444 infizierten Patienten an Ebola  gestorben. Auch viele Kinder. Ebola ist ungleich tödlicher als Corona, aber dafür weit weniger ansteckend. Bei der Ebola-Epidemie von  2014 bis 2016, starben 11 000 Menschen. Vor allem in Westafrika. Mittlerweile gibt es Medikamente und Impfstoffe. Weitgehend unbemerkt blieb, dass im Kongo infolge eines Masernausbruchs 6000 Menschen im vergangenen Jahr starben. 400 000 Menschen überleben Jahr für Jahr in Afrika Malariaerkrankungen nicht. Malaria ist auch einer der Gründe, warum Corona möglicherweise spät entdeckt wird. Am Anfang ähneln sich die Symptome. Andere Begründungen für die geringen Fallzahlen: der verhältnismäßig geringe globale Austausch von Waren, Dienstleistungen und Menschen, die sehr junge Bevölkerung und routinierte Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung. Trotzdem ist klar: Ein Corona-Ausbruch würde die afrikanischen Gesundheitssysteme völlig überfordern.

Nur zwei Ärzte pro 10 000 Einwohner


Der US-Denkfabrik Council On Foreign Relations zufolge tragen alle afrikanischen Staaten nur ein Prozent zu den weltweiten Gesundheitsausgaben bei, obwohl dort 16 Prozent der Weltbevölkerung leben. In Afrika kommen im Schnitt gerade einmal zwei Ärzte auf 10 000 Einwohner. In Deutschland sind es knapp 40.

Die Situation bei Infektionskrankheiten wird erschwert durch die Lebensumstände. Millionen Menschen leben auf engstem Raum in Slums. Hinzu kommen Dürre, Heuschreckenplagen, bewaffnete Auseinandersetzungen oder Terror durch islamistische Milizen, die auf dem Kontinent Millionen zu Flüchtlingen machen. abo