Hochburg AfD-Hochburg Heilbronn: Der Neid der Spätaussiedler

Heilbronn / Hans Georg Frank 25.09.2017
Heilbronn war lange in der Hand der CDU, jetzt hat die AfD dort ihr landesweit bestes Ergebnis geholt – und viele zeigen auf die Spätaussiedler. Eine Spurensuche.

Für das gute Ergebnis der AfD im Heilbronner Stadtteil Böckingen hat der Schwabe (63) eine einfache Erklärung: „Das ist eine Neidgeschichte unter Aussiedlern und Flüchtlingen.“ Deshalb gebe die rechte Alternative im Wohngebiet „Schanz“ jetzt politisch den Ton an. In einem der Wahllokale am Schulzentrums hat die AfD 31,6 Prozent der Zweitstimmen bekommen – die CDU nur 30,7. Auch wenige Meter weiter, in der Gemeinschaftsschule, hat die AfD mit 27,5 Prozent die Nase vorn.

Im Wahlkreis Heilbronn hat sich die AfD mit 16,4 Prozent der Zweitstimmen den höchsten Wert im Südwesten gesichert, teilte das Statistische Landesamt mit. In Pforzheim, als „AfD-Hochburg“ bekannt, kamen 16,3 Prozent zusammen. In einem Wahlbezirk mit starkem Aussiedler-Anteil heimste die AfD dort rekordverdächtige 36,9 Prozent ein.

Zum Kreuzchen für die Alternative mag sich auf der Straße in Heilbronn niemand richtig bekennen. Eine Floskel muss genügen: „Wir werden doch alle verarscht.“ Aber warum es so gekommen ist, glauben alle zu wissen, die zum Gespräch bereit sind. Eine CDU-treue Spätaussiedlern (73), geboren in Danzig, in Heilbronn seit 1979, kann nicht verstehen, warum sie „immer nur schaffen musste“. Flüchtlinge, die jetzt kämen, „wollen gar nicht arbeiten, haben aber alles“, meint sie, „dann gibt es eben Protest“.

Ein Metallbauer (31), geboren in Kasachstan, in Heilbronn seit 2001, gibt gleichfalls Flüchtlingen die Schuld am AfD-Aufstieg. „Hier ist es dreckiger, die Leute sind frecher“, will er beobachtet haben. „Flüchtlinge kriegen alles, wir Einheimische kriegen nichts“, behauptet er, am liebsten würde er auswandern – „in die Schweiz“. Er hofft, dass bei der nächsten Wahl „einfach mal die Regierung komplett ausgewechselt wird.“

Auf der „Schanz“ stand von den 70ern bis Mitte der 90er Jahre ein Übergangswohnheim für Spätaussiedler. Über 14 000 Menschen wurden durchgeschleust, viele ließen sich in der Nähe nieder. Sie brachten es zu gewissem Wohlstand. „Jetzt haben sie Panik, weil eine Million Flüchtlinge ins Land strömen“, meint der 63-Jährige. Die Apothekerin sieht auch bei der Jugend AfD-Sympathien: Im Gemeinschaftskundeunterricht ihres Sohnes (16) habe sich ein Drittel dazu bekannt: „Das hat mich entsetzt.“

Von wegen „Abgehängte“

Eine schlüssige Erklärung für den Aufschwung der AfD hat OB Harry Mergel (SPD) nicht. Die Motive der Wähler seien zu unterschiedlich. „Da spielen kulturelle, soziologische und sicher auch soziale Gesichtspunkte eine Rolle.“ Auch in zwei weiteren Heilbronner Einzelbezirken, in denen nur wenige Spätaussiedler leben, hat die AfD die sonst dominierende CDU auf Platz zwei verwiesen. „Dass es im wohlhabenden Wirtschaftsraum Heilbronn viele Anhänger der AfD gibt, beweist, dass sich die AfD-Wähler nicht auf die sozial Vernachlässigten reduzieren lassen“, erklärt OB Mergel.  Gegen die These von den „Abgehängten“ spricht auch, dass ausgerechnet im prosperierenden Bayern und Baden-Württemberg die AfD besser abschnitt als in anderen westdeutschen Ländern.  So kommt es, dass Franziska Gminder (72) aus Heilbronn für die AfD in den Bundestag einzieht – die Mitarbeiterin der AfD-Geschäftsstelle ist in der Stadt ziemlich unbekannt.

Die Stärke der AfD ist zugleich die Schwäche der CDU, auch das zeigt das Beispiel Heilbronn. Hier war lange Zeit der Wahlkreis des jetzigen CDU-Landeschefs und Innenministers Thomas Strobl, der für den Südwesten noch forsch „40 Prozent plus x“ als Ziel ausgerufen hatte. Es reichte dann nur zu 32,1 Prozent. Strobls Nachfolger Alexander Throm (49) kommt denn in seiner Analye sehr zügig zu den Russlanddeutschen, „die ich sehr schätze“. Der Rechtsanwalt holte zwar für die CDU das Direktmandat, aber er bekam 16,1 Prozent weniger als MdB-Vorgänger Thomas Strobl.

Stimmanteil

36,9 Prozent hat die AfD im Stimmbezirk Pforzheim-Buckenberg geholt, wo viele Spätaussiedler leben – die CDU brach dort im Vergleich zu 2013 um 30,5 Prozentpunkte ein, auf 25,9.