Alles nur ein Missverständnis oder eine Verleumdung durch die "Lügenpresse"? So jedenfalls stellt die AfD-Bundesvorsitzende Frauke Petry den Wirbel um ihre Äußerung dar, die Polizei solle Flüchtlinge notfalls mit der Schusswaffe am illegalen Überqueren der deutschen Grenze hindern. "So steht es im Gesetz", hatte sie dem "Mannheimer Morgen" in einem Interview gesagt.

Nun versucht sie, alles herunterzuspielen. Auch dass es am Dienstag in einer Telefonkonferenz des Parteivorstands Kritik an ihrer Amtsführung gegeben haben soll. Das sei gar kein Tagesordnungspunkt gewesen, zitierte sie der "Tagesspiegel", und der Vorstand sei "erstaunt" gewesen über einen Bericht der "Bild"-Zeitung über eine bevorstehende Revolte gegen sie. Dies wiederum heißt, dass der Vorstand doch darüber gesprochen hat. Petry sei vor Augen geführt worden, welche verheerende Wirkung ihre Worte auf das Bild der AfD hätten, heißt es. Schließlich sind in gut fünf Wochen in drei Bundesländern Landtagswahlen, darunter in Baden-Württemberg.

Eine 40-jährige zierliche Frau an der Spitze einer jungen Partei, die hauptsächlich von älteren Männern dominiert und auch gewählt wird - schon die Grundkonstellation ist erstaunlich. Eigentlich hat die Alternative für Deutschland mit Jörg Meuthen noch einen Co-Vorsitzenden. Doch der 54-jährige Volkswirtschafts-Professor an der Hochschule Kehl, der auch Landesvorsitzender in Baden-Württemberg ist, kokettiert selbst, er sei der unbekannteste Parteichef Deutschlands.

Kalt lächelnd hatte Petry Anfang Juli 2015 beim AfD-Parteitag in Essen den Machtkampf mit Bernd Lucke um den Parteivorsitz für sich entschieden. Der Parteigründer war postwendend ausgetreten. Petry habe bei den Menschen offenbar "nicht nur ihre Köpfe, sondern auch den Bauch" erreicht, suchte die "Zeit" nach einer Erklärung. Allerdings musste Petry sich immer wieder des Vorwurfs erwehren, rechtspopulistische Ressentiments zu bedienen. In der Wählergunst stürzte die AfD angesichts des heftigen internen Streits zunächst ab. Erst mit der Flüchtlingswelle bekam sie gewaltigen Auftrieb. Das Thema Euro-Ausstieg, das ihr zunächst Zulauf gebracht hatte, scheint heute völlig vergessen. Die AfD ist zwar weiter eine Partei, die sich auf ein Thema fixiert. Aber jetzt geht es gegen Zuwanderung und Flüchtlinge.

Petry, in Dresden geborene Tochter einer Chemikerin und eines Ingenieurs, stellt sich selbst gern als erfolgreiche Macherin dar: "promovierte Chemikerin, Studienstiftung des deutschen Volkes, Unternehmerin seit 2007, diverse Unternehmenspreise, Trägerin des Bundesverdienstordens", heißt es auf der Internetseite der AfD. Dass sie für ihre Firma Ende 2013 Insolvenz beantragen und auch Privatinsolvenz anmelden musste, weil sie gebürgt hatte, fehlt dagegen in ihrem Lebenslauf.

Beim Gründungsparteitag der AfD im April 2013 war Petry zu einem der drei Sprecher gewählt worden - neben Lucke und Konrad Adam. Seit die Partei bei der Wahl 2014 in Sachsen mit 9,7 Prozent in den Landtag einzog, ist sie dort Fraktionsvorsitzende. "Kinder sind unser Kapital", steht programmatisch auf der Internetseite der vierfachen Mutter. Im Oktober 2015 gab sie bekannt, sie habe sich von ihrem Ehemann, einem evangelischen Pfarrer, getrennt. Ihr neuer Lebensgefährte ist der nordrhein-westfälische AfD-Vorsitzende Marcus Pretzell. Auch der smarte Rechtsanwalt, Vater von vier Kindern, lebt von seiner Ehefrau getrennt. Gerade in der AfD, für die Ehe, Familie und viele Kinder eine große Rolle spielen, sorgt das für Naserümpfen. Zusammen mit Prezell eilte Petry auch auf das gesellschaftliche Parkett in Berlin, und das ausgerechnet beim Bundespresseball, dem Hochfest der "Pinocchio-Presse" schlechthin, über die sie sonst gerne schimpft. Das war auch noch am Vorabend des vierten AfD-Bundesparteitags, was ihr einige Kritik einbrachte.

Überhaupt werden die Beziehung mit Prezell und sein Einfluss kritisch beäugt. "Gefährliche Liebschaft" titelte der "Spiegel". Petry wisse Politik nicht von Privatem zu trennen und versuche, ihren Partner in der Partei nach vorn zu schieben, wurde dort kolportiert. "In der intrigenfreudigen Partei denkt im Moment nur deshalb niemand über einen Sturz Petrys nach, weil es an einer echten Alternative mangelt", urteilte das Nachrichtenmagazin.

Vorgeworfen wird Petry unter anderem, sie habe die Partei nicht im Griff. So gelang es ihr nicht, den Landesvorsitzenden von Thüringen, Björn Höcke, der mit rassistischen Sprüchen Schlagzeilen macht, zu mäßigen oder zu entmachten. Dann kam am Wochenende das Interview mit dem "Mannheimer Morgen". Das Wort "Schießbefehl" wollte die Ostdeutsche nicht in den Mund nehmen. "Aber zur Ultima Ratio gehört der Einsatz von Waffen." Dass die nicht nur mit Platzpatronen geladen sind und Menschen treffen könnten, tauchte in ihren Überlegungen nicht auf. Beobachter erinnerten sich, dass Pretzell über solche Ideen schon im Herbst laut nachgedacht hatte.

Das sorgte für dicke Schlagzeilen. Petry versuchte sich zu rechtfertigen, sie sei falsch zitiert worden: "Wir erleben in den Medien das, was so häufig passiert, dass der Kontext dessen, was gesagt wird, sträflich missachtet wird und dass sich dann die politische Konkurrenz auf verkürzte Zitate wirft", sagte sie im MDR. Dass dies nur Ausflüchte waren, zeigte die Reaktion der Zeitung: Sie und ihr Sprecher hätten jedes Wort zur Autorisierung vorgelegt bekommen und freigegeben. So ist das hierzulande bei Zeitungsinterviews üblich, auch wenn sich US-Journalisten über diese pflegliche Behandlung von Interviewten immer wieder wundern.

Die Reaktionen in der Partei sprachen Bände: Parteivize Alexander Gauland, bekannt für rechte Sprüche, distanzierte sich. Co-Parteichef Meuthen, mitten im Landtagswahlkampf, sprach von einem "Paradebeispiel unglückseliger Kommunikation, weil aus einer Aussage etwas herausgelesen wurde, was so nicht gesagt wurde". Zusammen mit Petry verbreitete er eilends "im Namen des AfD-Bundesvorstands" eine Erklärung, die AfD lehne es strikt ab, "dass auf Menschen geschossen wird, die friedlich Einlass in das Bundesgebiet begehren". Die Gesetzeslage - die Petry offenbar nicht gekannt hatte - sei eindeutig und für die Grenzsicherung "vollkommen ausreichend".

Ist Petry eine Parteichefin auf Abruf? "Ich stehe da, wo ich stehe, und ich glaube, ich habe ausreichend Unterstützung hinter mir", sagte sie am Dienstag in Dresden. "Sehe ich so aus, als sei ich unter Druck?"

In der Wählergunst bei 10 Prozent

Unverändert Ist der Höhenflug der AfD gestoppt? Nach der neuesten Forsa-Umfrage für "Stern" und RTL käme sie derzeit bundesweit auf zehn Prozent. Der Wert ist ebenso unverändert wie bei CDU/CSU mit 36 Prozent, der SPD mit 24 Prozent, den Grünen mit 10 Prozent und der FDP mit 5 Prozent. Nur die Linke verliert einen Punkt auf jetzt 9 Prozent. Forsa befragte 2501 repräsentativ ausgesuchte Bundesbürger Ende Januar, also vor den Äußerungen von Parteichefin Frauke Petry zum Schusswaffengebrauch.

Schallmauer Forsa-Chef Manfred Güllner sieht in Deutschland einen Anteil von Fremdenfeindlichen von einem Zehntel aller Wahlberechtigten. "Die AfD wird dieses Potential nie ganz ausschöpfen, insofern hat sie ihre Schallmauer erreicht. dik