Hannover AfD-Bundesparteitag: Richtungsentscheidung vertagt

Alexander Gauland und Jörg Meuthen sind die neue Spitze der AfD.
Alexander Gauland und Jörg Meuthen sind die neue Spitze der AfD. © Foto: dpa
Hannover / Thomas Block 02.12.2017

Es geht ein Riss durch die AfD und er verläuft zwischen Georg Pazderski und einer Frau namens Doris von Sayn-Wittgenstein. Beide wollten Co-Parteichef neben Jörg Meuthen werden, beide wollten die Position, die nun Alexander Gauland hat. Und beide hätten es beinahe geschafft.

Auf dem achten Bundesparteitag hätte die AfD eigentlich eine Richtungsentscheidung treffen sollen. Nach dem Austritt der ehemaligen Parteichefin Frauke Petry war der Stuhl neben Parteichef Jörg Meuthen frei geworden. Die noch junge Partei vereint viele Strömungen – konservative, rechtsnationale, radikale und realpolitische. Jörg Meuthen als Mann zwischen den Stühlen galt als gesetzt. Er erhielt im ersten Wahlgang ohne Gegenkandidaten 72 Prozent der Stimmen. Mager aber ausreichend. Die Besetzung des zweiten Chefpostens aber sollte zeigen, wohin die Reise geht.

Georg Pazderski tritt am späten Nachmittag an das Rednerpult in der hannoveraner Eilenriedenhalle. „Wir sind angetreten, um Deutschland nach vorne zu bringen“, sagt er. Seine Stimme könnte man wohl als hart, vielleicht als scharf, auf jeden Fall als entschlossen beschreiben. So, wie es sich für einen Mann gehört, der 41 Jahrelang als Soldat gearbeitet hat. „Das geht nur, wenn wir bereit sind, in absehbarer Zeit politische Verantwortung zu übernehmen.“ Das sind Sätze, die manche in der AfD mit Entzückung erfüllen. Ein realpolitischer Kurs, eine nicht allzu ferne Zusammenarbeit mit der CDU und der FDP. Dafür steht der 66-jährige Landeschef der Berliner AfD wie kaum ein anderer. Entschieden forderte er immer wieder eine Abgrenzung von „Rechtsaußen“, ja sogar einen Parteiausschluss des rechtsnationalen Thüringers Björn Höcke. Die AfD ist für ihn eine Partei, die so schnell wie möglich an die Macht kommen sollte.

Es gibt aber auch Funktionäre, die das gar nicht gerne hören. Eine Zusammenarbeit mit dem Establishment, eine Abschreckung rechtsnationaler AfD-Anhänger, ein Ausschluss ihres Helden Björn Höcke. Nach Pazderskis Rede tritt ein Delegierter an das Mikrofon und fragt: Welche unserer Inhalte wollen sie denn als erste aufgeben, um sich den Altparteien anzubiedern? Auch Alexander Gauland erteilte den Ambitionen Pazderskis früh eine Absage. Nur: Ein Gegenkandidat war bis zur Wahl nicht in Sicht.

Und dann kam Doris Sayn-Wittgenstein. Die Landessprecherin der AfD Schleswig-Holstein ist erst seit dem Jahr 2016 in der Partei und hält eine in Teilen sehr irritierende Rede. Sie wünscht sich eine Außenpolitik unter Bismarck, einen Schulterschluss mit Russland, einen starken Nationalstaat, denn nur der halte die Demokratie am Leben. Sie glaubt, dass es Menschen in Deutschland gibt, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden, weil sie einen Volkstanz-Verein gegründet haben. Er wichtigster Satz aber lautet: „Ich möchte nicht, dass wir in dieser sogenannten Gesellschaft ankommen. Das ist nicht unsere Gesellschaft.“ Sayn-Wittgenstein will sich nicht integrieren. Sie ist dagegen. Gegen alles.

Für die AfD sind Pazderski und von Sayn-Wittgenstein zwei Extreme. Er ist extrem moderat. Sie ist extrem rechts. Er steht der sogenannten „Alternativen Mitte“ nahe, sie dem sogenannten „Flügel“ um Björn Höcke. Es galt bislang als große Unbekannte, wie groß der Anteil der Funktionäre ist, der mit dem Flügel sympathisiert. Jetzt wissen wir es: Es steht 50/50.

Im ersten Wahlgang erhält Sayn-Wittgenstein 49,4 Prozent der Stimmen, Pazderski 47,3 Prozent. Im zweiten erhält er 49,4 Prozent und sie 47,8 Prozent. Ein Patt, durch die Enthaltungen erhält keiner der beiden eine Mehrheit. Die Abstimmung wird vertagt.

„Ich wollte eigentlich nicht kandidieren, aber es ist eine Situation eingetreten, die für die Partei gefährlich war“, sagt Alexander Gauland anderthalb Stunden später. Ausgerechnet er soll nun die Lösung, die lager-vereinende Kraft an der Spitze der Partei sein.

Sayn-Wittgenstein hatte schon früh angekündigt, ihre Kandidatur zurückzuziehen, ihr Erfolg hat sie offensichtlich selbst irritiert. Viele der Delegierten versuchten Alice Weidel zu einer Kandidatur zu überreden. Doch sie wollte nicht. Und so preschte ausgerechnet der 76-jährige, gesundheitlich angeschlagene Alexander Gauland vor und alle anderen Kandidaten zogen ihre Kandidatur zurück.

Bei seiner Vorstellungsrede sagt Gauland: „Sie kennen mich.“ Er wolle nicht zu viel sagen, nur in einem Punkt müsse er Georg Pazderski leicht widersprechen: „Wir dürfen nicht zu früh ankommen.“ Freunde von der FPÖ in Österreich hätten ihm dazu geraten, erst politische Verantwortung zu übernehmen, wenn die AfD auf Augenhöhe mit den anderen Parteien ist. Sonst werde man nur über den Tisch gezogen. Tosender Applaus.

Die Richtungsentscheidung, sie ist vertagt. Gauland und Meuthen gelten beide als führungsschwach. Sie werden die Partei sich selbst überlassen, den rechten Block gewähren lassen. Frauke Petry hat diese Strategie mal als „anarchisch“ betitelt. Alexander Gauland sagt: „Wir müssen in den nächsten zwei Jahren das Beste daraus machen.“