Medizin Ärzte: Organspende soll Pflicht sein

Berlin / Hajo Zenker 12.05.2018

Mehr als 10 000 Menschen warten auf Niere, Herz oder Leber eines Verstorbenen, um selbst weiterleben zu können. Doch die Zahl der gespendeten Organe sinkt. Die Ärzteschaft fordert nun, dass jeder Deutsche automatisch Organspender sein solle, wenn er nicht ausdrücklich widerspricht. „Eine ernüchternde Bilanz und eine Tragödie, vor allem für diejenigen, die dringend auf eine Transplantation warten“, beschreibt der Jahresbericht 2017 der Deutschen Stiftung Organtransplantation die Lage. Die Anzahl der gespendeten Organe war erneut um über neun Prozent auf 2594 gesunken, den niedrigsten Stand der letzten 20 Jahre.

Ein Auslöser der Entwicklung waren die 2012 aufgedeckten Skandale in den Transplantationszentren Göttingen, Leipzig, München und Münster, wo Patienten auf dem Papier kränker gemacht wurden als sie waren, um sie früher mit einem Organ zu versorgen – während deutlich Kränkere weiter warten mussten. Umfragen zeigen, dass mehr als zwei Drittel der Deutschen der Organspende grundsätzlich positiv gegenüberstehen – trotzdem haben laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nur 36 Prozent einen Organspendeausweis ausgefüllt. 72 Prozent davon willigten in eine Entnahme ein.

Spahn gegen Zwang

Anderswo sieht das anders aus. In 18 europäischen Ländern gilt die Widerspruchslösung, etwa in Frankreich, Italien, Holland, Österreich, Polen. Dort können nach dem Hirntod automatisch Organe entnommen werden, es sei denn, die Person hat zuvor Widerspruch eingelegt – oder, je nach nationaler Ausgestaltung, die Angehörigen sind dagegen. Die Folge: 2017 gab es laut Stiftung Eurotransplant in Österreich, das nicht einmal neun Millionen Einwohner hat, 206 Organspender, Belgien, mit gut elf Millionen Staatsbürgern, kam auf 348 Spender und Deutschland, mit bald 83 Millionen Bewohnern, auf gerade 769 Organspender. Der Deutsche Ärztetag in Erfurt hat sich am Donnerstagabend deshalb für die Widerspruchslösung ausgesprochen.

Das aber will Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nicht. Zwar müsse man alles tun, um die Zahl der Spenden zu steigern. „Aber besser durch Überzeugungsarbeit statt durch Zwang.“ Sein Ministerium verweist zudem darauf, dass die Strukturen in den Krankenhäusern wichtig seien. Deshalb sei im Koalitionsvertrag verankert, die Transplantationsbeauftragten der Kliniken besser zu finanzieren, von anderen Aufgaben freizustellen und die Organentnahme aufwandsgerecht zu vergüten.

Dagegen würde sich Sabine Dittmar, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, wünschen, dass es nicht nur in Krankenhäusern Verbesserungen gibt, sondern man dem Ärztetag folgt. „Die bisherige Lösung funktioniert ja nicht.“ 

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