Ulm Aerobic: Vom Trend zur absoluten Fitness

Sexy in Stulpen: Die amerikanische Schauspielerin Jane Fonda hat mit ihrem Aerobic-Workout im Fernsehen einen Trend ausgelöst.
Sexy in Stulpen: Die amerikanische Schauspielerin Jane Fonda hat mit ihrem Aerobic-Workout im Fernsehen einen Trend ausgelöst. © Foto: Getty Images
Ulm / HELEN WEIBLE 09.04.2016
Trends im Sport kommen und gehen. Doch eine Randsportart, die einst in den 80ern groß aufgetragen hat, hält sich wacker, weil sie so anpassungsfähig ist - und ein unglaubliches Allroundtalent: Die Rede ist von Aerobic.

Anke Beranek, Ulmer Stützpunkttrainerin der Kaderathletinnen des Deutschen Turner-Bundes (DTB) war eigentlich von Haus aus immer Turnerin gewesen - aber selbst sie besaß damals, in den späten 80ern, eine Kassette, auf der Jane Fonda zwölf Minuten lang zum Seilspringen und Intervalltraining animierte. Neugierig inspiriert meldete sich Beranek zu einem Aerobic-Lehrgang an, profitierte damals von ihrer Fitness und Grundbeweglichkeit durch das Turnen - und blieb letztlich dabei. Ihre Aerobic-Karriere dauerte sieben Jahre an, mehrfach nahm sie an Welt- und Europameisterschaften teil und war 2000 sogar einmal Neunte im Mixed-Paar zusammen mit Klaus Häberle.

Heute trainiert die 46-Jährige im Leistungsbereich die Bundeskaderathletinnen, von denen sich aktuell einige auf die Jugend-WM im Sommer in Korea vorbereiten. Sport-Aerobic, wie sie bei internationalen Meisterschaften von der Jury bewertet wird, hat aber nichts mehr mit dem Phänomen der 80er zu tun. Der einstige Trendsport entwickelte sich zu einem anspruchsvollen Leistungssport, der die fünf Elemente "absoluter Fitness" vereint: Kraft, Ausdauer, Koordination, Beweglichkeit - und Schnelligkeit. Aber Aerobic bildet die Basis.

Eine kleine Rückblende: Im Fernsehen machte die amerikanische Schauspielerin Jane Fonda das Gymnastikprinzip populär. Fonda war Trendsetterin nicht nur in sportlicher Hinsicht. Was sie dabei trug, war einzigartig und brannte sich ins Gedächtnis ein: Sie bewegte sich in quietschbunten, hautengen Leggings oder Strumpfhosen und hatte darüber einen Body mit String an, dazu Stulpen.

Auch obligatorisch: Stirn- und Handgelenkschweißbänder. So ausgestattet ging der Puls zur angesagten Popmusik jener Zeit in die Höhe. Interessant ist dabei das modische Comeback der grellfarbenen Sportbekleidung: Wo zumindest jene Neonfarben wieder in Mode sind - selbst Tennis- und Fußball-Stars statten sich mit den angesagten Farben aus - taugt das damalige Outfit noch für eine Badtaste-Party.

Das ZDF strahlte damals "Enorm in Form" aus, und in den Wohnzimmern hüpften tausende Hausfrauen gegen ihre Speckringe an. Diese Aerobic-Welle schwappte nicht nur als Trenderscheinung über die Haushalte. Sie war auch Anstoß für Neues neben der guten alten Gymnastik oder der anstrengenden Skigymnastik. Diesem dynamischen Fitnesstraining entwuchsen rasch viele Formen des Fithaltens, die man/frau für sich ausprobierte: Am bekanntesten ist wohl "Step-Aerobic", wo ein Brett als Stufe in die Übungen eingebaut wird, was vor allem die Po-Muskeln trainiert. Auch Leute mit Knieproblemen sollten sich beim "Steppen" den Oberschenkelmuskel stärken, um die Kniegelenke zu entlasten. Beim "Body Pump" kommen Langhanteln ins Spiel und sorgen für einen kräftigen Oberkörper. Für Esoteriker geeignet ist etwa "Body Balance", wo Elemente aus Yoga, Pilates und Tai Chi vermischt werden. Und letztlich hat auch "Zumba" seinen Ursprung in Aerobic: Der kolumbianische Choreograph Alberto Perez verband klassische Aerobic in den 90ern mit lateinamerikanischem Tanz und ließ sich diese Erfindung sogar patentieren. Doch auch das wilde Zumba hat seine Hoch-Zeit schon hinter sich.

Beranek, die auch die "Dance-Aerobic" aussterben sieht, erkennt eine Tendenz dazu, dass die Grenzen in Zukunft noch mehr ausgelotet werden. "Früher war vieles verboten, was heute wieder erwünscht ist. Zum Beispiel waren das Klappmesser und die Rumpfbeuge verpönt. Heute ist das alles wieder erlaubt und sogar erwünscht. Heute zählt vor allem Vollgas, und da ist es egal, ob es für den Körper gut ist oder nicht", sagt Beranek und verweist auf die boomenden Bootcamps und Crossfit-Trainings, die den Teilnehmern alles abverlangen.

Und wie schaut es in 20 Jahren aus? Da ist das "Extreme" wieder out und die Leute "hören" wieder auf ihren Körper. Wer überhaupt noch eine Kassette besitzt, wird sie in den Rekorder legen und sich nach "Enorm in Form"-Manier bewegen. Wie in der Mode leben auch die alten Sporttrends in irgendeiner Form wieder auf.

Aus der Halle hin zu urbanen Abenteuern

Kaum zu glauben, dass sich einst der Normalo in seiner Freizeit in ein monströses Ding wie ein Rhönrad gespannt hat, um Sport zu treiben - aber es war tatsächlich so. Wenn man nach der ersten Trendsportart im 20. Jahrhundert sucht, dann ist es das Rhönradfahren, das sich in den 20er Jahren großer Beliebtheit erfreute.

Ein klein wenig symbolträchtig war dieser Trend zudem, vor allem für das weibliche Geschlecht: Die Frauen emanzipierten sich mit diesem Doppelrad. Schließlich mussten sie sich nicht mehr in ein Korsett zwängen, um einen stabilen und grazilen Körper zu bekommen und diesen zu präsentieren. Das Turnen mit dem Rhönrad - Deutschland ist übrigens mit neun Mannschafts-WM-Titeln die weltweit erfolgreichste Nation - fand und findet in der Halle statt.

Den Sport im Freien haben vorwiegend zwei Rollenpaare revolutioniert. Zunächst schnürte man sich die Rollen unter die Turnschuhe, ehe es "den" Rollschuh zu kaufen gab. Dann kamen 1977 die "Rollbretter", also Skateboards, aus den USA über den großen Teich nach Deutschland. Die Straßen wurden zu Pisten für coole Rides. Die Jugend war auf Rollen unterwegs. Gerade das Skateboard wurde immer wieder neu erfunden. Als Snake- und Waveboard wurden die fahrbaren Untersätze gelenkig. Aktuell sind Longboards in. Das Brett ist etwas größer und damit für sanftes Gleiten wie gemacht.

Die vier Rollen am Schuh, die mittlerweile wieder ihr Comeback feiern, reihten sich in den 80ern hintereinander und die Inlineskates waren geboren. Skaten lebt von mehr Geschwindigkeit als die "Disco-Rollers" und eignet sich daher auch für ein Biathlontraining im Sommer (mit Stöcken). Deutsche Speedskater hinken der internationalen Konkurrenz etwas hinterher. Hierzulande werden "Inliner" eher in der Freizeit oder eben zum Aufbau einer Grundfitness genutzt.

In den Straßen und städtischen Bereichen lässt sich noch auf andere Weise Sport treiben. Geboren im Nachbarland Frankreich schwappte die Trendsportart Parkour in die Bundesrepublik herüber. Voraussetzung sind absolute Körperbeherrschung, Balance - und Mut. Die Stadtaffen erobern die urbanen Zonen, springen und hangeln sich zwischen Häuserwänden und Treppengeländern durch. Mit nicht mehr als dem Körper ist die Sportart Parkour der Inbegriff moderner Bewegung in bebauter Umgebung. Die Fitness-Industrie weiß auch hier, wie sie sich mit trendigen Funktionsklamotten weiterhin Geld in die Kassen spült.

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