Plötzlich brach über den ahnungslosen Reisenden die Hölle los. Die mexikanische Gruppe war gerade mit ihren vier Geländewagen in der Wüste unterwegs, als ein ägyptischer Apache-Kampfhubschrauber zwischen den Oasen Bahariya und Farafra das Feuer auf ihren Konvoi eröffnete und offenbar sämtliche Insassen tötete oder verletzte.

Nach ersten Meldungen starben zwölf Passagiere, darunter mindestens acht Mexikaner und mehrere ägyptische Fremdenführer. Die übrigen Teilnehmer wurden verletzt und wurden inzwischen ins Dar el-Fouad Hospital im 350 Kilometer entfernten Kairo verlegt.

Mexikos Präsident Enrique Pe·a Nieto verurteilte das Massaker mit scharfen Worten und verlangte eine "vollständige Untersuchung des Vorfalls". Die ägyptische Seite dagegen hüllte sich über die genauen Umstände der Tragödie zunächst in Schweigen. Das Innenministerium erklärte lediglich, die Gruppe sei in einem gesperrten Wüstenabschnitt unterwegs gewesen und von den Soldaten irrtümlich für Mitglieder der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) gehalten worden - eine Darstellung, die lokale Verantwortliche gegenüber dem britischen Sender BBC energisch bestritten. Nach ihren Angaben sei die Reisegruppe sogar von einem Polizei-Jeep begleitet gewesen.

Das tödliche Drama ist ein weiterer schwerer Rückschlag für die notleidende ägyptische Reisebranche. Das Gebiet der sogenannten weißen Wüste mit seinen spektakulären Kalksteinformationen zwischen den Oasen Bahariya und Farafra gehört zu den Hauptattraktionen des ägyptischen Wüstentourismus.

Jede Reisegruppe muss ihre Fahrtroute vorher bei der ägyptischen Oasenpolizei anmelden und genehmigen lassen. Auslöser dieses strengen Kontrollsystem war im Oktober 2014 ein Terrorüberfall von IS-Kommandos aus Libyen auf einen Militärposten nahe Farafra, bei dem 21 Soldaten starben. Erst vor einigen Wochen hat es offenbar einen weiteren IS-Angriff auf einen Militärposten in der Gegend gegeben, diesmal auf der Straße zwischen Bahariya und Kairo, der jedoch von den Behörden verschwiegen wurde.

Auch der Mitte August vom IS enthauptete kroatische Techniker Tomislav Salopek war auf dem Weg zum Kairoer Flughafen in der Oase Bahariya aufgebrochen, bevor sein Dienstwagen im Stadtgebiet der ägyptischen Hauptstadt von Maskierten mit gezückten Waffen gestoppt wurde. Die IS-Kommandos haben in den Oasen ihre eigenen Informanten. Erfahrene Wüstenfahrer und beduinische Führer berichten, dass sie regelmäßig per SMS bedroht werden, ihre Wüstenkenntnisse nicht der Armee zur Verfügung zu stellen. Einzelne Wüstenkundige aus ihrem Kreis wurden bereits ermordet.

Gleichzeitig hat der Schmuggelverkehr in der Westwüste, durch die die Staatsgrenze zwischen Ägypten und Libyen verläuft, seit dem Arabischen Frühling 2011 enorm zugenommen. Die aus Libyen kommenden Kolonnen aus Lastwagen und Allrad-Fahrzeugen operieren in der Regel nachts. Sie transportieren Menschen und Waffen sowie Drogen und Elektronikwaren.

Ägypten unterhält entlang der 1115 Kilometer langen Sandgrenze zu Libyen 35 feste Armeeposten, die jeweils rund 40 Kilometer voneinander entfernt sind. In letzter Zeit wurden zusätzlich mobile Militärlager errichtet, jeweils ausgerüstet mit einigen Zelten und Fahrzeugen. Die Soldaten jedoch sind in der Regel Wehrpflichtige aus dem Niltal ohne Wüstenerfahrung.

Das Auswärtige Amt rät von Reisen in entlegene Gebiete der ägyptischen Sahara "dringend" ab. Neben dem nördlichen Teil der Sinai-Halbinsel im Nordosten Ägyptens gilt auch die westliche Wüste bis zur Grenze Libyens als Rückzugsort für Extremisten.

Kommentar von Martin Gehlen: Politik der Beschönigung

Jetzt wird sie wieder angeworfen - die offizielle ägyptische Maschinerie der bizarren Rechtfertigungen, faulen Ausreden und falschen Tatsachen. Die versehentlich erschossenen Touristen seien ohne Genehmigung, mit nicht lizensierten Geländewagen und in einem militärischen Sperrgebiet unterwegs gewesen, hieß es in der ersten Erklärung Kairos - noch bevor überhaupt klar ist, wie sich die Tragödie zugetragen hat, wie viele Mexikaner tatsächlich ums Leben gekommen sind und wie viele Reiseführer mit ihnen im Geschosshagel starben.

Jeder, der die Verhältnisse in den Wüstenoasen kennt, weiß, dass die Darstellung nicht stimmen kann. Alle Veranstalter müssen ihre Touren anmelden und genehmigen lassen. An sämtlichen Ausfallstraßen der Oasen gibt es Kontrollpunkte. Aber für die Mächtigen bei Polizei und Militär kann eben nicht sein, was nicht sein darf. Der gloriose Nimbus der Streitkräfte muss unter allen Umständen verteidigt werden.

Niemand will wahrhaben, dass die ägyptische Wehrpflichtarmee genauso undiszipliniert und fahrlässig agiert, wie der Rest der Gesellschaft. Dass der von Al-Sisi ausgerufene totale Kampf gegen den Terror bei den Sicherheitskräften ein Klima der Gewissenlosigkeit erzeugt, wird penetrant bestritten. Kein Wunder, dass sich Polizisten und Soldaten inzwischen ermächtigt fühlen, erst einmal draufzuhalten. In der Sinai-Wüste trifft es neben IS-Dschihadisten regelmäßig auch Dorfbewohner, Autofahrer, Frauen, Kinder, Wohnhäuser und Schulen. In der Westwüste kamen nun erstmals ausländische Touristen ums Leben. Doch ein Umdenken ist nicht in Sicht. Stattdessen wird weiter bestritten, beschönigt und beschuldigt.