Ägypten versinkt im Strudel der Hetze

Oppositionspolitiker Mahmoud Badr: Muslimbrüder sind eine Terrorgruppe. Foto: afp
Oppositionspolitiker Mahmoud Badr: Muslimbrüder sind eine Terrorgruppe. Foto: afp
MARTIN GEHLEN 17.07.2013
Eine Welle der Hetze und Diffamierung politischer Gegner überrollt Ägypten. Liberale befürchten, eine zivile Demokratie sei weiter entfernt als vor dem Sturz des verhassten Präsidenten Mubarak.

Ägypten verliert den Kopf. Seit die Armee Präsident Mohammed Mursi abgesetzt hat, flutet eine Woge nationalistischer Massenhysterie, Verhetzung und Militärbegeisterung durch das Land, die nahezu alle mitreißt. Selbst Blogger und Intellektuelle, Liberale und Mitglieder der Demokratiebewegung übertrumpfen einander. "Volk und Armee kämpfen gegen eine Terrorgruppe, die versucht, die Welt davon zu überzeugen, dass in Ägypten ein Militärputsch stattgefunden hat", trompetet der Sprecher der Oppositionsgruppe "Tamarod", Mahmoud Badr. Ein Talkshow-Moderator diffamiert die Muslimbrüder als "sadistische und extrem gewalttätige Kreaturen". Der liberale Kolumnist Khaled Montaser nennt sie "schlimmer als Kriminelle und Psychopathen". Und ausgerechnet im Sender On-TV des koptischen Milliardärs Naguib Sawiris bläst ein Moderator zur Hatz auf die syrischen Flüchtlinge im Land und verdächtigte sie pauschal als Sympathisanten der Muslimbrüder. In das gleiche Horn stößt die einstige Mitbegründerin der Demokratiebewegung "6. April", Esraa Abdel Fattah, die 2011 für den Friedensnobelpreis im Gespräch war. Die Muslimbruderschaft sei eine vom Ausland unterstützte Terrorgruppe. Mit ähnlicher Verbohrtheit wird der Streit ausgetragen, ob das Eingreifen der Armee ein Staatsstreich war oder eine zweite Revolution.

Parallel zur Lautstärke der Debatte steigt die Zahl der Anti-Mursi-Demonstranten, die angeblich am 30. Juni auf den Straßen Ägyptens gewesen sein sollen. Bekanntermaßen passen auf den Tahrir-Platz plus umliegende Straßen maximal 400 000 Menschen, ähnlich sind die Verhältnisse vor dem Präsidentenpalast in Heliopolis. Addiert man landesweit die kleineren Demonstrationen hinzu, waren selbst bei großzügigsten Kalkulationen maximal zwei Millionen Menschen auf den Beinen. Doch kurz nach dem Militärputsch wuchs die Zahl auf 20 Millionen. Eine Woche später will der Schriftsteller Alaa al-Aswani sogar 30 Millionen auf der Straße gesehen haben. Inzwischen sind bei allen Anti-Mursi-Kommentatoren 33 Millionen Demonstranten herrschende Weisheit.

Kein Wunder, dass besonnene Stimmen nahezu verstummt sind. "Nach dem bärtigen Chauvinismus von rechts bewegen wir uns nun zu einem glattrasierten Chauvinismus von rechts", zitiert die "New York Times" die Politologin Rabab el-Mahdi von der Amerikanischen Universität Kairo, die zu den Mitorganisatoren des Aufstands gegen Mubarak gehörte. Amr Hamzawy, ehemaliger Wissenschaftler an der FU Berlin und Abgeordneter im aufgelösten ägyptischen Parlament, war der erste aus dem liberalen Lager, der die Schließung islamistischer Fernsehkanäle, die Verhaftungswelle gegen die Muslimbrüder sowie den Arrest von Mohammed Mursi öffentlich kritisierte. In einer Kolumne für die Zeitung "Al-Watan" geht er mit der "Rhetorik von Häme und Hass, von Vergeltung und Rache gegen die Muslimbrüder" hart ins Gericht. Den Jubel über das Militär geißelt er als "Faschismus unter dem falschen Deckmantel von Demokratie und Liberalismus", seine Mit-Intellektuellen, die jetzt zu allem schwiegen, nennt er "Vögel der Dunkelheit".

Auch Hossam Bahgat, Gründer von Ägyptens Initiative für Personenrechte, zeichnet ein düsteres Bild. Das Ziel der liberalen Kräfte - eine zivile Demokratie, die alle einschließt - erscheine heute weiter entfernt als vor dem Sturz Mubaraks im Februar 2011.

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