Mitte Januar ist der ADAC wegen gefälschter Zahlen bei einer Leserumfrage in eine tiefe Vertrauenskrise gestürzt. Fast täglich werden seitdem neue fragwürdige Praktiken von Deutschlands größtem Verein bekannt. Die Vorwürfe gegen den ADAC und die Folgen für den Club im Überblick:

Der Skandal kommt bei der Wahl des VW Golfs zum "Lieblingsauto der Deutschen" ins Rollen. Der ADAC soll die Stimmen für das Siegermodell mal eben verzehnfacht haben. Als die "Süddeutsche Zeitung" über die geschönten Zahlen bei der Abstimmung der Mitgliederzeitschrift "Motorwelt" berichtet, reagieren die ADAC-Chefs mit einem Frontalangriff auf die Medien. Es sei eine "Schande für den Journalismus", schimpft ADAC-Geschäftsführer Karl Obermair am 16. Januar bei der Preisverleihung. Wenige Tage später räumt der Kommunikationschef des Autoclubs, Michael Ramstetter, die Fälschung ein und nimmt seinen Hut. Der ADAC gibt zu, dass auch in den vergangenen Jahren bei der Leserwahl die Zahlen manipuliert wurden. Präsidium und Geschäftsführung des ADAC sollen nichts gewusst haben.

Seit der eingeräumten Umfragefälschung gibt es insbesondere Ärger um die Hubschrauberflotte des ADAC. Zunächst wird bekannt, dass Präsident Peter Meyer mitunter mit Rettungshubschraubern zu Terminen fliegt. Der Club räumt rund 30 Flüge von Präsidiumsmitgliedern in den vergangenen zehn Jahren ein. Das sei aber alles korrekt abgerechnet worden. Wenn die 51 Helikopter nicht für Notfalleinsätze genutzt werden, würden die Maschinen manchmal auch verchartert.

Später wurde bekannt, dass sich Meyer zu dienstlichen Terminen in Hamburg und Wolfsburg fliegen ließ - und anschließend mit dem Hubschrauber Richtung Heimat weiterreiste. Der ADAC räumt einen kleinen Umweg von maximal 50 Kilometern ein. Auch Vorsitzende der Regionalclubs missbrauchten Helikopter zur "Öffentlichkeitsarbeit".

Jetzt räumt der Autoclub ein, dass im Jahr 2006 ein Hubschrauber der Luftrettungsgesellschaft dazu genutzt wurde, einen überschwemmten Fußballplatz in Braunschweig vor einer Zweitliga-Partie gegen Dynamo Dresden mit seinen Rotorblättern zu föhnen. Der damalige ADAC-Vorsitzende in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, Reinhard Manlik, habe den Helikopter angefordert. Er sitzt für die CDU im Braunschweiger Stadtrat. Das für die Sicherstellung der Luftrettung zuständige Innenministerium habe den Flug damals gerügt, woraufhin der Einsatz von der Stadt Braunschweig bezahlt worden sei, sagte eine Ministeriumssprecherin.

Die ADAC-Luftrettung ist spätestens seit vergangenem Jahr eine gemeinnützige GmbH. Ihre Tätigkeit ist an den Zweck - Rettung von Menschenleben - gebunden. Nach Angaben des Clubs wird die Gesellschaft zu 85 Prozent über Zahlungen der gesetzlichen Unfall- und Krankenversicherungen finanziert - über Pauschalen für Rettungsflüge oder Einsatztarife. Die übrigen 15 Prozent werden über die Mitgliedsbeiträge oder Rücklagen aus Spenden aufgebracht. Seit 1980, so verkündet der ADAC, hätten die Mitglieder des Vereins 280 Millionen Euro in die Luftrettung investiert.

Anfang dieser Woche wird bekannt, dass der Autoclub einem seiner Manager in Hessen auf ungewöhnliche Art und Weise zu einer Wohnung verholfen hat: Der ADAC ließ das Haus im exklusiven Bad Homburg extra für den Geschäftsführer des Regionalclubs Hessen-Thüringen bauen. Der Mann wohnt dort zur Miete. Der Automobilclub rechtfertigt sich, dass die Immobilie in erster Linie als eine Geldanlage gedacht sei.

Eine ADAC-Managerin soll im Jahr 2012 ein Flugzeug des ADAC Ambulance Service für private Zwecke benutzt haben. Sie ließ ihren Sohn und einen Freund mit einer Rettungsmaschine, die Kranke aus dem Ausland nach Deutschland bringt und deshalb mit intensivmedizinischem Gerät ausgestattet ist, zum Tauchurlaub nach Ägypten mitfliegen. Die jungen Männer hatten ihr Flugzeug ans Rote Meer verpasst. Die ADAC-Führungskraft ist später aus dem Clubmanagement ausgestiegen. Sie habe einen Auflösungsvertrag unterschrieben, bestätigte der ADAC.

Die Justiz ist im Fall des Autoclubs inzwischen aktiv. Die Staatsanwaltschaft will prüfen, ob die Vorgänge strafrechtlich relevant sind. Das Amtsgericht nimmt die Struktur des Vereins unter die Lupe und untersucht, ob die vielfältigen wirtschaftlichen Aktivitäten in der Münchner ADAC-Zentrale noch vom deutschen Vereinsrecht gedeckt sind.

Die Führungsetage des ADAC gerät im Zuge der Veröffentlichungen stark unter Druck. Präsident Meyer lehnt zwar einen Rücktritt ab, verspricht am 22. Januar aber Reformen. Der undurchsichtige Verein soll künftig eine höhere Transparenz und eine direktere Einbindung der 19 Millionen Mitglieder bekommen. Gestern konkretisiert Meyer die Planungen zu einer grundlegenden Reform: Struktur und Abläufe des ADAC würden "vorbehaltlos auf den Prüfstand" gestellt. Danach soll eine außerordentliche Hauptversammlung über die Vorschläge entscheiden - es wäre die erste solche Versammlung seit 1948.