Mexiko Acapulco versinkt im Drogensumpf

Acapulco / Tobias Käufer 01.09.2018

Breitbeinig hat der Mann, der für die Sicherheit im Einkaufszentrum Galerias Diana Acapulco in der sogenannten „Goldene Zone“ sorgen soll, Position bezogen. Er steht knapp zwei Meter neben dem Geldautomaten, sein Kollege steht ein Stockwerk höher neben dem Starbucks-Café.  Ihr düsterer Blick, die schwarzen Lederstiefel, die grüne Uniform und die beeindruckenden Maschinengewehre sollen Sicherheit zu suggerieren.

Hier in Acapulcos „Zona Dorada“, wie sie die Meile wegen der vielen Hotels, Boutiquen und Restaurants nennen, hat die Staatsmacht ihr letztes Aufgebot ins Rennen gegen die ausufernde Kriminalität und Gewalt ins Rennen geschickt. Doch damit nicht genug: Hinzu kommt ein kleines Heer von Angestellten eines privaten Sicherheitsdienstes, die mit ihren nervösen Blicken die Umgebung scannen. Einkaufen in einer von Acapulcos edlen Shopping-Malls ist für Ausländer stets auch mit einem kleinen Schaudern verbunden.

Hier schlägt das Herz der Touristenmetropole, die noch vor wenigen Jahrzehnten zu den interessantesten Hotspots der Welt zählte. Nun bestimmen Militärpatrouillen das Bild auf der berühmten Avenida Miguel Aleman. Hin und wieder stecken die Jeeps der Militärpolizei in der Rush Hour auf Acapulcos Verkehrsachse fest. Oben drauf stehen Soldaten hinter fest installierten Maschinengewehren und halten stets schießbereit die Umgebung im Blick. Es ist der verzweifelte Versuch einer Stadt, für Sicherheit zu sorgen.

Sonnenschirme und Auftragsmörder

Doch die ständige Präsenz des Militärs an den Stränden, auf der Einkaufsmeile und sogar in der Shopping Mall hält die Ausländer eher ab. Was Sicherheit suggerieren soll, bewirkt das Gegenteil. Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Zahl der Passagiere, die am Internationalen Flughafen General Juan N. Álvarez ankommen, nahezu halbiert – von mehr 1 057 347 im Jahr 2007 auf zuletzt 685 125 Fluggäste. Immerhin hat Acapulco seit ein paar Monaten ein neues schickes Terminal, doch dessen große Hallen wirken verwaist und überdimensioniert. Es fehlen die Passagiere.

Denn die Bilder, die von Acapulco um die Welt gehen, schrecken viele ab. Jüngst schlug die brutale Gewalt des mexikanischen Drogenkrieges sogar am kleinen, überschaubaren Strand von Caletilla zu. Zwei Auftragsmörder hatten sich an einem Sonntagnachmittag kurz vor Sonnenuntergang vorbei an spielenden Kindern, sonnenbadenden Touristen und Eisverkäufern geschlichen, die Waffen gezogen und das Magazin leer gefeuert. Zwei Menschen starben im Kugelhagel, Touristen flohen in Panik. Sie waren offenbar Augenzeugen einer Abrechnung rivalisierender Banden.

Schlimmer noch als die Tat an sich, war der Effekt des Doppelmordes: Die Bilder von Leichen am Strand von Acapulco verbreiteten sich über die Nachrichtenagenturen in der ganzen Welt. Für die Tourismusbranche eine Katastrophe. Den besten Blick auf das ganze Drama hatten übrigens die Gäste des gegenüberliegenden berühmten Hotels Boca Chica. Das Hotel steht neben anderen alt ehrwürdigen Herbergen für die goldene Epoche Acapulcos. In der vor kurzem erst im Look der goldenen 50er-Jahre renovierten Herberge stiegen einst die Hollywood-Stars ab: Johnny „Tarzan“ Weissmüller oder Elizabeth Taylor entspannten hier. In einer Zeit, als Acapulco einer der heißesten Jetset-Treffpunkte der Welt war. Das Hotel „Los Flamingos“ mit direktem Blick aufs Meer galt als der Zufluchtsort der sogenannten „Hollywood-Gang“. In den 1950er-Jahren kauften mehrere Stars um John Wayne, Errol Flynn und Richard Widmark die Herberge, um einmal ausbrechen zu können, aus dem Hollywood-Alltag. Die ganz alten unter den Touristenführern Acapulcos schwärmen noch von diesen Zeiten.

Heute steht Acapulco für die Gewalt im mexikanischen Drogenkrieg. Die Stadt zählt inzwischen dank ihrer exorbitant hohen Mordrate zu den gefährlichsten der Welt. Die auf die Beobachtung von Entführungen spezialisierte NGO „Alto al Secuestro“ hat Acapulco auf Platz zwei der mexikanischen Städte gesetzt. Insgesamt 235 Entführungsfälle wurden 2017 gezählt, nur in der Stadt Ecatepec gab es mit 319 noch mehr Geiselnahmen. Die Dunkelziffer ist noch höher. Auch die Zahl der Morde in Acapulco ist extrem hoch. Hinter dem honduranischen San Pedro Sula und der venezolanischen Hauptstadt Caracas liegt Acapulco mit 107 Morden pro 100 000 Einwohner (2017) auf Rang drei der gefährlichsten Städte der Welt, die offiziell nicht im Kriegszustand sind. In ganz Mexiko war das Jahr 2017 das blutigste der vergangenen 20 Jahre. 26 573 Menschen wurden ermordet, 80 Menschen fallen täglich irgendwo zwischen Tijuana und Cancun einem Gewaltverbrechen zum Opfer.

Ein Fünkchen Hoffnung

Dahinter stecken ein erbarmungsloser Konkurrenzkampf der mexikanischen Drogenkartelle und ein hartes Vorgehen der mexikanischen Behörden. Selbst wenn nur die zurückhaltenden als konservativ geltenden Umsatzzahlen der amerikanischen Rand Corporation stimmen sollten, dann exportieren die wichtigsten mexikanischen Kartelle zusammen jährlich für umgerechnet etwa sechs Milliarden Euro Drogen in die USA. Auch in Acapulco wollen die Kartelle La Familia Michoacana, Beltrán Levya und Jalisco Nueva Generación ihre Stück vom Kuchen abhaben.

Die Gewalt und der Umgang damit haben auch den mexikanischen Präsidentschaftswahlkampf bestimmt. Nur ein Steinwurf vom Hotel Boca Chica versprach der spätere Wahlsieger Andrés Manuel López Obrador (64) den rund 5000 begeisterten Zuhörern eine neue Strategie im Kampf gegen die Kriminalität: „Wir werden die Ursachen, die dieses schwere Problem der Unsicherheit und der Gewalt auslösen, bekämpfen. Wir werden den Menschen Arbeit geben und uns um die Jugendlichen kümmern.“  Damit seine Botschaft im schwülheißen Acapulco auch jeder versteht, hat der Mann aus dem südmexikanischen Bundesstaat Tabasco sie auf vier Worte verkürzt: „Stipendien Ja, Auftragsmörder Nein.“ In kaum einer anderen mexikanischen Stadt sehnen sich die Menschen diesen Wandel so sehr herbei wie in Acapulco. Anfang Dezember beginnt seine Präsidentschaft.

Der katholische Bischof Salvador Rangel (72) aus Chilapa, einer Diözese, die zum Erzbistum Acapulco gehört, sorgte zuletzt mit einem eigenständigen Vorstoß für Aufsehen. Rangel wagte sich zwischen die Fronten, nahm Kontakt zur organisierten Kriminalität auf. „Eine meiner Aufgaben ist es, zunächst mit einer Gruppe zu sprechen und dann mit der anderen“, sagte der Franziskaner zu seinen Verhandlungen mit den Mafia-Banden im Bundesstaat Guerrero. Zu ihm gehört auch das fast 700 000 Einwohner zählende Acapulco. Es gelte herauszufinden, was in den Köpfen und Herzen dieser Menschen vorgehe, die solche Gewalttaten verüben, so Rangel.

Sein Vorstoß hat viel Wirbel ausgelöst in Mexiko. Die Sicherheitskräfte, die Kirche, die Politik, sie allen kritisieren Rangels eigenmächtiges Vorpreschen. Aber auch López Obrador stellt einen Kurswechsel in der Anti-Drogen-Politik in Aussicht. Er sprach im Wahlkampf von einer Art Amnestie für kooperationsbereite Drogenbosse. Künftig sollen alle Entscheidungen dem Aspekt „Sicherheit“ untergeordnet werden. Er will ein Sicherheitskabinett bilden, das sich ganz der Suche nach Lösungen unterordnen soll, damit die Gewaltwelle endlich gestoppt werden kann.

US-Präsident Donald Trump zeigte sich zuletzt überraschend entgegenkommend. Mit López Obrador könne ein Kurswechsel gelingen, hieß es aus Washington. In Acapulco sehnen genau diesen die vielen Menschen in der Tourismusbranche herbei. Denn aus den USA kommen kaum noch Touristen.  Nun stecken sie ihre Hoffnungen in López Obrador. Als er mit seinem silbergrauen Auto über die Straßen Acapulcos fährt, rufen seine Anhänger die Parole seiner Bewegung Morena: „Ich werde dich nicht enttäuschen.“ Viele in Acapulco wissen: Es ist vielleicht die letzte Chance für ihre Stadt.

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