Leitartikel André Bochow zur Arbeit eines Abgeordneten Abgeordnete haben Respekt verdient

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Berlin / Andre Bochow 09.07.2018

Man kann ja von der großen Koalition sagen, was man will, einen gewissen Unterhaltungswert bieten ihre Krisen-Shows durchaus. Zugegeben, manches, was vor allem die Unionsparteien gerade aufgeführt haben, grenzt an Schmierentheater und ist mit „unwürdig“ noch milde umschrieben. Aber wer leidet darunter am meisten? Sie? Ich? Ach wo, es ist der einfache Bundestagsabgeordnete, der sich gerade in die Sommerpause verabschiedet hat, sich dort für seine Partei-Vorderleute in Grund und Boden schämt und seine ehrliche Arbeit ruiniert sieht.

Denn sie werden ja gern alle in einen Topf geworfen, die Politiker. Jedenfalls die Bundespolitiker. Einem Bürgermeister wird häufig noch vertraut. Aber denen da in Berlin nicht. Raffgierig, faul und abgehoben – das sind die gängigsten Urteile. Gern wird es auch drastischer formuliert. Ein krasses Fehlurteil. Die Wahrheit ist: Die Entlohnung der Bundestagsabgeordneten ist anständig, und angesichts der Schufterei, der sich die meisten unterziehen, angemessen. Ihre Büros in Berlin sind oft winzig und dunkel, die angemieteten Wohnungen karg und kahl. Viele halten die ständige Trennung von der Familie nur schwer aus. Und wenn jemand nicht den Realitäten entrückt ist, dann sind das die Politiker der Parlamentsebene.

In ihren Wahlkreisen, bei Feuerwehrfesten, Betriebseinweihungen und unzähligen Gesprächsforen reden die Abgeordneten mit unzähligen Menschen aus allen Bevölkerungsschichten. Wer macht das denn sonst noch? Sie nehmen die Bürger häufig sogar ernster als die sich selbst. Sie hören zu und tragen die Meinungen, Klagen, Botschaften in den Bundestag, in die Ausschüsse oder zur Regierung.

Es solle auch keiner glauben, hier würden Ausnahme-Politiker beschrieben. Die meisten Bundestagsabgeordneten sind wirklich zutiefst überzeugt davon, dass sie etwas für das Land und für die Menschen ihres Wahlkreises tun können. Und genau das wollen sie auch. Ihr Arbeitstag hat 14, 15 oder auch 16 Stunden, demnächst wird nach dem Willen der SPD auch noch Schichtdienst im Plenum auf die Abgeordneten zukommen. Außerhalb des Plenarsaals quälen sie sich durch Aktenberge und hören sich stundenlang in Ausschüssen die Vorträge von Experten an. Sie denken über Anfragen an die Regierung nach, arbeiten an Gesetzesentwürfen, strapazieren ihre Nerven in Fraktionsklausuren. Und für all das ernten sie oft genug Häme und Verachtung seitens der Bevölkerung. Von ihren eigenen Fraktionsführungen werden sie herumgeschubst und bei missliebigen Meinungsäußerungen als Hinterbänkler bezeichnet.

Nein, man muss die Bundestagsabgeordneten nicht bemitleiden. Niemand zwingt sie dazu, für uns Bürger zu arbeiten. Aber Respekt haben sie verdient. Und wer das alles nicht glauben will, sollte sich selbst ein Bild machen.  Gehen Sie zur nächsten Sprechstunde Ihres Abgeordneten ins Wahlkreisbüro. Sie werden überrascht sein.

leitartikel@swp.de

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