Für viele Fluggäste fing der vergangene Sommerurlaub so an: Gelangweilt hockten sie in der Abflughalle, tippten stundenlang auf ihren Smartphones oder tigerten genervt umher. Warten auf den Koffer, warten auf den Abflug, statt im Meer zu planschen – das war 2018 völlig normal. Besserung ist für diesen Sommer nicht in Sicht. Im Gegenteil. Experten prognostizieren: Diese Urlaubssaison wird noch viel schlimmer.

Berlin

Flughäfen, Luftfahrtgesellschaften und Flugsicherung sind am Limit angelangt. Wenn in den kommenden Wochen die Zahl der Flüge wieder steigt, könnte das System erneut kollabieren, prophezeit etwa Gerd Pontius von der Flugverkehrsberatungsfirma Prologis Strategy sowie das Fluggastrechte-Portal EU Claim. Zu wenig Sicherheitspersonal, zu wenige Fluglotsen, zu enge Zeitfenster – mit diesen Problemen müssen sich die Akteure auch in diesem Jahr herumschlagen. Das Chaos in der Luft ist programmiert – und ausbaden müssen es die Passagiere. Die Beteiligten arbeiten daran, dass sich die Vorkommnisse des Jahres 2018 nicht wiederholen. Sie stehen – auch politisch – unter Druck.

Mehr Verspätungen, mehr Flugausfälle

2018 war aus Sicht der Passagiere eine Katastrophe. 29 019 Flüge wurden nach Angaben des Fluggastrechte-Portals EU Claim annulliert. Das sind im Vergleich zum Vorjahr rund 7000 Flugzeuge mehr, die nicht gestartet sind. Bei den Verspätungen sieht es ähnlich schlecht aus. Da waren 2018 rund 8603 verspätet und damit 2000 mehr als 2017. Das ist Rekord. Die Gründe lagen in den Streiks des Flughafenpersonals, dem schlechten Wetter im Frühjahr sowie den Problemen bei der Übernahme der Flugzeuge der pleitegegangenen Gesellschaft Air Berlin. „Deshalb war 2018 ein herausforderndes, ein besonders schlimmes Jahr“, sagt der Hauptgeschäftsführer des ältesten deutschen Flughafenverbandes ADV Ralph Beisel.

Situation könnte sich verschlimmern

Einige Probleme sind aber strukturell bedingt. Da wären zum Beispiel die Fluglotsen, die auf dem Markt Mangelware sind. Zwar hat sich die deutsche Flugsicherung dazu verpflichtet, mehr Fluglotsen anzustellen, aber bis diese ausgebildet sind, dauert es drei Jahre. Die Probleme könnten sich verschlimmern. So wird der Flugverkehr um etwa drei Prozent jährlich steigen. Sind es heute noch 33 000 Flüge pro Tag, werden es im Jahr 2030 fast doppelt so viel sein, nämlich 58 000. Wie schlimm es werden kann, zeigen bereits die ersten zwei Monate dieses Jahres. Laut EU Claim hat es im Januar und Februar in Deutschland mehr Verspätungen und Annullierungen gegeben als in den ersten beiden Monaten des Jahres 2018. „Ohne konsequentes Gegensteuern ist ein Kollaps nicht zu vermeiden“, sagt Berater Pontius.

Maßnahmenkatalog soll helfen

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) fordert, dass sich eine ähnliche Situation wie im Sommer 2018 nicht wiederholen dürfe. „Wir können Luftverkehr“, sagte er und präsentierte einen Katalog von 25 Maßnahmen. Einige davon wurden bereits umgesetzt. So erläutert ADV­Hauptgeschäftsführer Beisel, dass die Flughäfen seit dem Oktobergipfel mit Scheuer insgesamt zehn Prozent mehr Flächen für Sicherheitskontrollen zur Verfügung gestellt haben. Außerdem wurden mehr Mitarbeiter für das Be- und Entladen der Koffer eingestellt. Auch die Gesellschaften hätten an ihren Flugplänen gearbeitet und mehr Puffer eingebaut, so dass es nicht mehr zu so vielen Ausfällen kommen könnte. „Ich bin optimistisch und fest davon überzeugt, dass es im Jahr 2019 deutlich besser wird. Das heißt aber noch nicht, dass alles gut wird“, sagt Beisel.

Gesamteuropäische Lösung gefordert

Andere sind da skeptischer. „Die Maßnahmen sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Luftraum-Berater Pontius. „Ich habe wenig Hoffnung, dass sie zu einer spürbaren Entlastung der Flughäfen und des Luftraums führen.“ Pontius zufolge bedarf es daher nicht vieler kleiner Maßnahmen, sondern eines Plans, den alle Akteure verfolgen. „Es braucht dringend eine gesamteuropäische Lösung“, fordert der Berater. Aktuell stünden aber nationale Egoismen seitens der 28 Mitgliedsstaaten einer gemeinsamen Steuerung des EU-Luftraums im Wege. „Erst, wenn noch mehr Menschen betroffen sind, wacht die Politik auf – und dann bewegt sich etwas“, prophezeit Pontius. Das könnte im Jahr 2019 passieren. „Die spannenden Monate beginnen im Mai“, sagt ADV-Hauptgeschäftsführer Beisel. Für die Akteure – und für die Passagiere.

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