Wie haben Sie heute Morgen Ihre Zeitung gelesen?
GIOVANNI DI LORENZO: Ich gestehe, auf dem Papier, wie immer. Und ich hatte dabei nicht das geringste schlechte Gewissen.

Wieso sollten Sie da ein schlechtes Gewissen haben?
DI LORENZO: Weil doch schon in der Frage mitklingt, ob ich nicht das Internet nutze. Die Antwort ist: doch, auch. Ich nutze natürlich auch das Digitale, es wäre ja auch Schwachsinn, das nicht zu tun. Aber ich habe bislang nie das Gefühl gehabt, ich müsste Print durch etwas anderes ersetzen.

Reicht die vielbeschworene Gewohnheit aus, um Zeitungsleser zu halten?
DI LORENZO: Nein. Das Blatt, das da auf dem Frühstückstisch liegt, muss inhaltlich so sein, dass dem Leser auch deutlich wird, warum er es liest. Bei einigen Blättern leuchtet mir das nicht mehr unbedingt ein. Wir haben ja im Moment eine Entwicklung, die in der deutschen Industriegesellschaft ohne Beispiele ist, nämlich die Selbstdemontage der eigenen Branche. Daran ärgert mich ganz vieles, aber ganz besonders, dass alles strukturell, also mit den digitalen Medien, erklärt wird. Dadurch entledigt man sich der Pflicht, auch mal zu fragen, ob nicht einige Probleme vielleicht hausgemacht sind.

Welche Probleme meinen Sie?
DI LORENZO: Sind unsere Zeitungen zu abgehoben von der Realität der Leser? Haben sie Substanz genug? Entdecken wir darin etwas, was tiefer geht als das Flüchtige, was ich in anderen Medien aufgreife? Das sind Fragen, die sich der Leser zu Recht stellen kann. Wenn er sauer ist, reagiert er radikaler und schneller als früher. Auch der geduldigste Leser oder Zuschauer ist längst nicht mehr nur ein Gewohnheitstier.

Woran liegt das?
DI LORENZO: Er hat die Auswahl. Wir müssen uns das Vertrauen und die Zustimmung immer wieder erkämpfen. Durch das Internet kommen wir in einen ganz anderen Rechtfertigungszwang, und viele von uns erleiden schwere Auflagenverluste, das steht außer Frage. Ich bin aber dagegen, alles aufs Internet zu schieben, weil das nicht stimmt. Außerdem gibt es immer noch jede Menge Blätter, die angeblich in der Krise stecken, aber Renditen erwirtschaften, von denen jedes Dax-Unternehmen in Deutschland träumen würde.

Das Internet bietet aber auch viele Möglichkeiten für Journalisten . . .
DI LORENZO: Natürlich. Unsere Redakteure twittern seit einiger Zeit mit Begeisterung, und zwar zu einem erheblichen Teil. Das ist der Verdienst eines sehr jungen Kollegen, der einfach angefangen hat, die "Zeit"-Belegschaft zu missionieren. Viele entdecken jetzt auch, was das für ein fantastisches Recherche-Mittel ist. Dass wir auch vom Internet profitieren, ist überhaupt keine Frage. Online profitiert aber auch vom Namen und von der Rentabilität der Zeitungen, denn die wenigsten journalistischen Online-Auftritte in Deutschland können sich selbst finanzieren.

Profitiert "Zeit-Online" auch von der starken Marke "Die Zeit"?
DI LORENZO: Selbstverständlich. Die Marke ist stärker als jeder Mensch, der hier arbeitet. Das lehrt einen auch Demut. Wir sind Diener dieser Marke. Das haben viele Kollegen in den letzten Jahrzehnten erarbeitet. Und wir hoffen, das in dieser Tradition fortsetzen zu können.

Wird Ihnen diese starke Marke bei der Einführung der Paywall helfen?
DI LORENZO: Das wünsche ich mir sehr, aber wir haben ja auch etwas zu bieten: Substanz, offene Recherche, tiefgründige Berichte. Jedem, der heute schadenfroh auf die Probleme einiger Blätter guckt und behauptet, Online würde das alles substituieren, dem sage ich: Online kann einiges ersetzen, aber nicht den Aufwand an Tiefe und an Recherche, den wir uns heute noch leisten in Deutschland. Das kostet einfach zu viel Geld. Dieses Geld wird Online niemals erwirtschaften. Diese Art von Journalismus, die wir uns mit unseren Print-Marken leisten, ist letztlich ein Dienst an der Öffentlichkeit, ein Dienst an der Demokratie, und ist vor allem Ausweis dessen, was eigentlich für Medien am wichtigsten sein sollte, nämlich Unabhängigkeit.

Ist das Ende der Gratiskultur im Netz in Sicht?
DI LORENZO: Nein, die Gratiskultur wird immer fortbestehen, zumal ja auch diejenigen, die jetzt eine Bezahlschranke einführen oder eingeführt haben, einen großen Teil der Inhalte umsonst anbieten. Selbst in Amerika, wo die "New York Times" das große Vorbild ist, sehen nur fünf bis zehn Prozent überhaupt jemals diese Bezahlschranke. Die greift ja erst nach einer bestimmten Anzahl von Artikeln. Das Gros der Leute wird sich also weiterhin Inhalte kostenlos holen. Die, die sich in ein Medium vertiefen wollen, die werden in Zukunft möglicherweise etwas dafür bezahlen müssen. Das ist aber kein Akt der Bestrafung, sondern es ist die Garantie und die Voraussetzung dafür, dass wir diese Art von Journalismus weiter betreiben können. Komischerweise gibt es bei den meisten Apps nicht die geringste Diskussion, dafür wird auch bezahlt.

Wie steht es denn um eine der wichtigsten Aufgaben der freien Presse - die Herrschaftskontrolle?
DI LORENZO: Es gibt die Verschwörungstheorie, wonach alle Journalisten unter einer Decke stecken und sich verabreden, Leute hoch oder runter zu schreiben.

Wie oft telefonieren Sie mit Kai Diekmann, dem Chefredakteur der "Bild"?
DI LORENZO: Das kommt vielleicht einmal im Jahr vor, aber sicher nicht, um sich auf irgendeine Kampagne zu verständigen. Aber ich kann nachvollziehen, dass Leser manchmal den Eindruck haben, die Zeitungen würden sich absprechen. Wir schreiben im Rudel alles hoch oder runter, und das ist in den seltensten Fällen angemessen. Das ist oft ein Zeichen für Konformismus und von Angst. Wenn man zum Beispiel einen Politiker, der unter Beschuss steht, verteidigt, dann kriegt man einen furchtbaren Shitstorm ab, und die Leser wenden sich ab. Trotzdem müssen wir auch immer wieder Konflikte mit einem Teil unserer Leser riskieren. Denken Sie nur an die Debatte, die wir angeregt haben zur Frage, ob man alle Bücher politisch korrekt umschreiben soll. Und denken Sie an das, was wir zu Steinbrück geschrieben haben. Die Abkanzelung dieses Mannes durch die Medien war völlig übertrieben und demokratietheoretisch auch problematisch. Nicht mal Franz Josef Strauß ist so runtergeschrieben worden. Und auf der anderen Seite haben wir eine Kanzlerin, die praktisch überhaupt nicht mehr kritisiert wird. Das sind Anomalien, die der Leser vielleicht nicht so zum Ausdruck bringen kann, wie wir das jetzt diskutieren, aber durchaus spürt, und viele fühlen sich dadurch auch irritiert.

Ist diese Haltung auch ein Grund dafür, dass "Die Zeit" sowohl als Zeitung als auch online wächst?
DI LORENZO: Das könnte jedenfalls einer der Gründe sein. Aber ich würde mich nie erdreisten zu behaupten, dass wir ein Rezept für den Erfolg gefunden haben.

Vor gar nicht allzu langer Zeit hieß es, die langen Texte der "Zeit" würden nicht mehr gelesen werden. Was hat sich seitdem verändert?
DI LORENZO: Als wir um die Jahrtausendwende herum so in Schwierigkeiten waren - übrigens ohne dass das Internet daran Schuld war - wurde uns ja auch gesagt, das sei ein Strukturproblem. Was soll eine Wochenzeitung noch machen, was die Tageszeitung nicht leisten kann? Wir haben uns damals radikal verändern müssen, weil wir wirklich in den Abgrund geblickt haben mit sinkenden Auflagen und mit einem furchterregenden Defizit. Wir haben trotzdem das, was uns ausmacht, nicht verraten.

Auch Magazine wie "Landlust" legen zu. Warum?
DI LORENZO: Ich glaube, dass "Landlust" und andere Blätter dafür stehen, dass die Special-Interest-Zeitungen nicht so betroffen sind von der Krise wie die General-Interest-Blätter, zu denen auch "Die Zeit" zählt. Allerdings sollte der Erfolg von "Landlust" dem ein oder anderen schon etwas zu denken geben. Das ist ja ein Blatt, was von Journalisten gerne belächelt wird, aber es ist komplett unzynisch gemacht. Zeitungen strahlen auch Stimmungen aus, gute und schlechte, für die Leser empfänglich sind.

Wie sehen Sie Lokalzeitungen?
DI LORENZO: Ich habe natürlich sehr viel Sympathie für Lokalzeitungen, auch weil ich mal eine leiten durfte, der ich immer noch als Mitherausgeber verbunden bin. Was die in den letzten Jahren gemacht haben, ist richtig: Sie haben sich stärker besonnen auf das, was in Berlin passiert. So viel Leben ist natürlich in keiner anderen Stadt, das gebe ich zu. Aber ich glaube, der Leser möchte einfach das, was in seinem Umfeld passiert, möglichst gut erklärt bekommen. Hier muss man eine Gratwanderung vollziehen: Wenn es nur nett ist, nur oberflächlich, nur schnell zusammengeschrieben wird, und einem das dann auch noch als Qualitätsoffensive verkauft wird - so doof sind Leser nie, dass sie das schlucken. Sie haben ein ganz feines Gefühl dafür, wann etwas zu Ramsch wird. Man kann sehr spannende und gute Lokalzeitungen machen. Im Prinzip ist doch der Traum von Zeitung: Ich weiß alles, was in meiner Straße passiert. Das wird sich nie ändern.

Aber braucht man dafür Zeitungen? Es gibt andere Massenmedien . . .
DI LORENZO: Ich glaube, dass nach wie vor der Effekt da ist: Wenn etwas in der Zeitung steht, dann hat es eine staatstragende Dimension bekommen - selbst in Hintertupfingen.

Twittern Sie?
DI LORENZO: Nein, aber nicht, weil ich was gegen Twitter hätte, sondern weil ich eine derartige Flut von Medien zu bewältigen habe - Mails, Zuschriften, Anrufe - dass ich mir das einfach nicht zutraue. Ich schließe das nicht ganz aus, im Moment mache ich das aus Gründen des Selbstschutzes nicht. Ich möchte aber vielleicht bei Facebook etwas machen.



Giovanni di Lorenzo (54) absolvierte 1979 sein Volontariat bei der Neuen Presse in Hannover. Schon fünf Jahre später wagte er als Moderator der BR-Kultsendung "Live aus dem Alabama" den Schritt vor die Kamera. 1987 fing bei der "Süddeutschen Zeitung" als Reporter an. Dort leitete er von 1994 bis 1999 die "Seite 3". 1999 wurde er Chefredakteur des "Tagesspiegel", 2004 übernahm er die Führung der Wochenzeitung "Die Zeit". Nebenbei moderiert er die Fernseh-Talkshow "3nach9".