Kirche Missbrauch: Was macht Prävention so schwierig?

Elisabeth Zoll 24.01.2017

Vor sechs Jahren löste der Jesuitenpater Mertes eine Lawine aus als er über sexuellen Missbrauch an seinem Gymnasium berichtete. Das stürzte die katholische Kirche in eine Krise. Sie  reagierte. Hans Zollner sitzt an einer der Schaltstellen. Er ist Theologe und Psychologe und arbeitet zur Prävention von Missbrauch weltweit.

Herr Zollner, Sie leiten das Zentrum für Kinderschutz an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Was tun Sie da?

Hans Zollner: Wir haben uns der Prävention von sexuellem Missbrauch weltweit verschrieben. Das heißt, wir machen Schulungen für Mitarbeiter der katholischen Kirche, aber auch darüber hinaus. Über E-Learning bieten wir Lerneinheiten in derzeit fünf Sprachen an. Da geht es um Fragen: Wie erkennt man Missbrauch? Was tun bei einem Verdacht? Wie ist die Rechtslage im jeweiligen Land? Wir haben im Moment 25 Partnerinstitutionen weltweit.

Gibt es kulturelle Unterschiede bei diesem Thema?

Ja. Schon zwischen Südkorea, Thailand und den Philippinen sind die Unterschiede groß. Nochmals anders ist es in den Kulturen Afrikas, auch Süd- und Nordeuropa geht ganz verschieden mit dem Thema um.

In welcher Form?

Es gibt Länder, in denen kann öffentlich über Sexualität nicht gesprochen werden. Das hat mit Scham- und Schuldgefühlen zu tun. Das gilt vor allem für Verhaltensweisen, die von den dortigen Gesellschaften sanktioniert werden und die unter dem Verdikt stehen, dass man keine Dinge tun darf, durch die man das Gesicht verlieren könnte. In Afrika gibt es wiederum Länder, die sexuelle Initiationsriten für Jugendliche kennen. Wir Westler können vieles nicht verstehen. Doch wenn wir mit Maximalforderungen kommen, dürfen wir nicht glauben, dass diese umgesetzt werden. Wichtig ist es, weltweit die Haltung gegenüber Missbrauch zu ändern.

Wird sexuelle Gewalt überall als Verbrechen gewertet?

Die Vergewaltigung eines Mädchens oder Jungen wird überall als Verbrechen verstanden und rechtlich sanktioniert. Ob die Hochzeit einer 11- oder 12 -Jährigen als Unrecht gesehen wird, ist eine andere Frage. Die Normen auf Papier und die Praxis klaffen da oft auseinander.

In welchen Kulturen ist der Widerstand besonders groß?

Pauschal lässt sich das nicht sagen. Ich würde auch unterscheiden zwischen einem passiven und aktivem Widerstand. Passiv ist er dort, wo es zum Beispiel aufgrund eines Bürgerkrieges keinen funktionierenden Staat gibt, der auf die Einhaltung von Gesetzen achtet. Oder wo das nackte Überleben im Vordergrund steht. Aktiver Widerstand ist dort, wo man das Problem ignoriert. Das gilt zum Beispiel für Länder Zentral- und Südamerikas. Insgesamt gesehen, werden heute jedoch Kinderrechte ernster genommen als noch vor Jahren. Das hat auch damit zu tun, dass die Kirche dieses Thema vorantreibt.

Ist von den Erschütterungen aus dem Jahr 2010 noch etwas zu spüren oder ist das Thema bearbeitet?

Davon kann keine Rede sein. Wir sind weit davon entfernt, überall gleiche Standards zu haben. Die 2010 ausgelöste Krise in der katholischen Kirche hat Wellen geschlagen, doch in Afrika oder Asien angekommen sind diese nicht. Papst Franziskus hat deshalb Bischöfen mehrfach eingeschärft, was sie tun müssen bei einem Verdacht, und was ihnen droht, wenn sie kirchliches Gesetz miss­achten. Der Papst fordert Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit. Bischöfe, die Missbrauch vertuschen, müssen mit Konsequenzen rechnen. Erst vor wenigen Tagen hat er die Null-Toleranz-Linie noch einmal bestätigt. Das bedeutet in der Praxis: Missbrauchstäter können nicht mehr in den kirchlichen Dienst zurückkehren.

 Sind die Widerstände innerhalb der katholischen Kirche passé?

Eine Abwehr gibt es weiterhin. Da machen wir uns keine Illusionen. Doch sie hat abgenommen. In manchen Bischofskonferenzen wird so getan, als ginge das Thema nur den Westen an. Dahinter steckt eine Mischung aus Vermeidungsverhalten, sich unangenehmen Themen zu stellen, der Unfähigkeit Entscheidungen zu treffen und Priester auch zu entlassen, gepaart mit einer falsch verstandenen Barmherzigkeits-Interpretation. Aus menschlicher und psychologischer Perspektive nehme ich nicht an, dass dieses Verhalten von heute auf morgen verschwindet. Deshalb sind für uns Prävention und Aufklärung so wichtig. Wir müssen Afrikanerinnen und Asiaten ausbilden, die in ihren Ländern profiliert auftreten und den spezifischen Widerstand brechen können. Das braucht Zeit, 20 bis 30 Jahre. Magische Lösungen gibt es nicht. Und weil bei Missbrauch im kirchlichen Bereich auch die Glaubensfähigkeit verletzt wird, müssen wir in der Aufarbeitung mehr tun, als allein auf Strafprozesse und Therapien zu setzen.

Gibt es einen typisch katholischen Gefahrenbereich?

Weder die Ehelosigkeit, noch die Macht- und Entscheidungsstrukturen sind typisch katholisch. Die gibt es auch in anderen Religionen und Institutionen. Die Kombination aus einem ungenügend reflektierten Ja zum Zölibat, einem überhöhten Priesterbild, das an Macht und der eigenen Unantastbarkeit ausgerichtet ist, und einer Burgmentalität ist gefährlich. In besonders abgeschotteten kirchlichen Gruppierungen geschah viel Übles. Das ist Missbrauch von Minderjährigen gewesen, aber vor allem Missbrauch von erwachsenen Schutzbefohlenen wie Novizen, Studierenden.

 Was bringt Sie bei Ihrer Aufgabe zum Verzweifeln?

Missbrauchstäter, die nicht einsehen wollen, was sie angerichtet haben und sich selbst zum Opfer stilisieren. Das ist eine der bittersten Erfahrungen. Zornig macht mich auch, dass sich in einigen Nationalkirchen das Thema in den Dokumenten wiederfindet, aber den Worten keine Taten folgen und sich nichts ändert zum Beispiel in der Ausbildung.

 Denken Sie da an Polen, wo die Kirche besonders konservativ ist?

Dort ist die Situation zwiespältig. Ein Teil der Bischöfe nimmt das Thema sehr ernst und wird vom  Primas unterstützt. In Italien, Spanien und anderen traditionell katholischen Ländern wie Ungarn oder der Slowakei gibt es mehr Widerstand als in Polen.

 Wo erfahren Sie Unterstützung?

Die Erzdiözese München-Freising unterstützt uns sehr, auch das Kindermissionswerk (Sternsinger). Auch viele Bischofskonferenzen haken nach, wollen mehr Informationen. Es gibt nicht nur schwarz oder weiß. Es ist ein langer und anstrengender Weg, bis sich auf breiter Ebene Einstellungen ändern.

Ein Rückblick

Ausgangspunkt Anstoß für die Debatte gab der ehemalige Rektor des Canisius-Kollegs Berlin, Klaus Mertes.

Opfer Nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) sind bei der Koordinationsstelle etwa 1700 Anträge auf Entschädigung eingegangen. Aber auch in der evangelische Kirche meldeten sich Missbrauchsopfer.

Entschädigung Bis zu 5000 Euro Entschädigung pro Opfer sind  vorgesehen. In begründeten Einzelfällen auch mehr. Hinzu kommt die Kostenübernahme bei Therapien.

Reaktionen Im Februar 2010 wird Bischof Stephan Ackermann von der DBK zum Missbrauchsbeauftragten ernannt. Die DBK erlässt strengere Richtlinien für die Arbeit mit Minderjährigen, 2013 werden sie verschärft. Neu ist die uneingeschränkte Zusammenarbeit mit staatlichen Behörden, die Berücksichtigung weltlichen und kirchlichen Rechts.

Weltkirche Papst Benedikt XVI. verurteilt die Missbrauchsfälle in Deutschland und bittet im Juni 2010 öffentlich um Vergebung. Sein Nachfolger, Papst Franziskus, erklärt 2013 noch härter gegen sexuellen Missbrauch vorzugehen. Er richtet 2014 eine päpstliche Kommission für den Schutz von Minderjährigen ein, im Februar 2015 findet die erste Tagung statt.

Aufklärung 2011 beginnt das kriminologische Forschungsprojekt zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen im kirchlichen Bereich, zunächst mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. Seit März 2014 wird die Arbeit durch ein Forschungskonsortium fortgeführt. Die Projektlaufzeit endet im Dezember 2017. al