"In den 90ern haben wir geglaubt, dass das Internet die Politik und die ganze Gesellschaft zum Besseren verändern könnte - wir haben eine ganze Menge dämlichen Mist geglaubt." Ethan Zuckerman, Professor an der amerikanischen Spitzen-Uni MIT, hat bittere Lacher auf seiner Seite. Fast alle, die im Saal der Digitalkonferenz Republica sitzen, haben Begeisterung, Hoffnung und Enttäuschung hinter sich, was das Internet angeht. Und viele hoffen auf Ideen, wie es dennoch weitergehen kann mit einem offenen Netz. Resignation und trotziger Optimismus sind die Pole, zwischen denen die Stimmung schwankt, spätestens seit Edward Snowden vor zwei Jahren öffentlich machte, wie stark amerikanische, britische und wohl auch deutsche Geheimdienste das Internet überwachen.

Zuckerman bedient beides, die Resignation und den Optimismus. "Wir müssen die Wirklichkeit im Internet annehmen und daraus etwas machen." Machen statt lamentieren haben sich die Republica-Gründer als inoffizielles Motto verordnet. Der Grund: Das Internet ist für die Gesellschaft wichtiger denn je. Aus einem Hobby für Technikfreaks ist ein alltägliches Medium geworden. "Wir sind im Mainstream angekommen", stellt Republica-Mitgründer Markus Beckedahl fest. Die "Netzgemeinde", wie sich die frühen Internet-Adepten nannten, gebe es nicht mehr. "80 Prozent der Leute sind im Internet."

Spätestens seit dem Aufflammen der Pegida-Proteste ist klar, dass der Wandel zum Massenmedium Fluch und Segen zugleich ist. Viele Netzaktivisten treibt um, dass Verschwörungstheorien im Netz immer populärer werden, dass sich Parallelwelten bilden, in denen Anhänger radikaler Thesen unter sich sind. Es geht um die Frage, was Tatsachen und Wahrheit noch bedeuten in einem Internet, in dem sich Belege für und gegen jede noch so krude These finden lassen. "Es gab schon immer Krawallhansln und Dorfdeppen, aber das Internet hat sie multipliziert", sagt Ingrid Brodnig, Journalistin beim österreichischen Magazin "Profil". Sie hat die Pegida-Proteste in Wien verfolgt und sich gefragt, wie sich so viele Unzufriedene hinter radikalen Organisatoren zusammenfinden konnten. "Soziale Medien begünstigen radikale Ansichten", glaubt sie. Um so wichtiger sei, dass Journalisten genau erklären, woher sie ihre Erkenntnisse beziehen. "Nur wenn wir Journalisten aufhören, Dinge einfach zu behaupten und unsere Quellen offenlegen, können wir erwarten, dass unser Publikum uns glaubt." Brodnig sieht in den Parallelwelten im Netz eine Gefahr für die Demokratie. "Wenn unsere gegensätzlichen Ansichten sich zu weit auseinanderbewegen, dann funktioniert die Konsensfindung nicht mehr."

In sozialen Medien ist es so leicht wie nie zuvor, sich ausschließlich unter Menschen zu bewegen, die die eigene Meinung teilen. "Facebook ist für alle, die extreme Ansichten vertreten, der ideale Ort, um endlich einmal recht zu haben", sagt Brodnig. Dass immer mehr Menschen offen für einseitige und teilweise abseitige Ansichten sind, erklärt der Journalist Friedemann Karig mit Angst. Eine unübersichtliche Welt, Terroranschläge und der Verlust von Traditionen verunsicherten viele. Sie suchten nach Rettung, einem Super-Wissen, das ihnen den Weg weisen kann - und häufig sind es die geschlossenen Weltbilder, die diese Rettung versprechen. Mit Fakten sind solche Denkmuster kaum zu durchbrechen: "Ich habe eine Meinung, verwirren Sie mich nicht mit Fakten."

Mitschuld an allem trägt - das geben auch die Internetfans zu - das Internet. "Wir dachten, dass Offenheit und Transparenz die Welt besser machen", sagt der US-Professor Ethan Zuckerman. "Aber sie haben die Leute auch misstrauisch gemacht." Misstrauen sei das vorherrschende Gefühl gegenüber Politik und Medien, nicht nur in den USA. "Wir müssen das Misstrauen nehmen und konstruktiv für uns nutzen", schlägt Zuckerman vor. Zum Beispiel wie in Spanien: Aktivisten laden Bürger, die sich über die EU-Politik echauffieren, ein, bei Förderprojekten vor Ort nachzuhaken, wie das Geld aus Brüssel verwendet wird. So entsteht eine Karte, die sinnvolle Projekte und Verschwendung dokumentiert.

Hoffnung macht auch die Erfahrung von Arne Busse von der Bundeszentrale für politische Bildung. Bei der Initiative "Youtuber gegen Nazis" warb die Bundeszentrale mit beliebten Youtube-Stars für Offenheit und Toleranz. Mehr als vier Millionen Mal wurden die Videos aufgerufen.

Die Konferenz

Programm Die Republica, die 2007 als Blogger-Treffen begann, findet in diesem Jahr zum 9. Mal statt. Die Veranstalter rechnen mit rund 600 Rednern und 6000 Besuchern. Das Leitthema lautet "Finding Europe" und stellt damit der Frage nach einer eigenständigen Haltung Europas zu digitaler Überwachung und Datenschutz. Republica-Gründer Markus Beckedahl fordert den "Ausstieg aus der Totalüberwachung" durch die Geheimdienste. In diesem Jahr stehen zahlreiche Vorträge zu digitalem Journalismus und Medienwandel auf dem Programm. Sie finden unter dem Banner der "Media Convention" statt, die vom Medienboard Berlin-Brandenburg mitfinanziert wird.