Interview „Verunsicherte Bevölkerung“

   Stefan Bratzel.
Stefan Bratzel. © Foto: Sina Schuldt/dpa
Berlin / Dorothee Torebko 17.09.2018

Stefan Bratzel leitet das Center of Automotive Management in Bergisch-Gladbach. Der Automobil­experte sieht einen Kulturwandel in der Automobilindustrie, den es ohne den Dieselskandal so vermutlich nicht gegeben hätte.

Sie nennen den Dieselskandal einen großen Glücksfall. Warum?

Stefan Bratzel: Durch den Skandal hat bei den Automobilherstellern wie VW eine Umorientierung stattgefunden. So wird seit einiger Zeit die Elektromobilität stärker gefördert. Außerdem wurde eine neue Unternehmenskultur eingeleitet. Es gab früher eine Machtkonzentration auf Martin Winterkorn und Ferdinand Piëch, die einen autoritären Führungsstil pflegten. Wer nicht geliefert hat, der musste Angst haben, seinen Job zu verlieren. Das ändert sich nun langsam.

Die meisten betrogenen Autofahrer würden das nicht so positiv sehen. In Stuttgart und Frankfurt bangen die Menschen angesichts von Fahrverboten, dass sie vom Jahr 2019 an nicht mehr in die Städte fahren dürfen.

Ja, die Angst spiegelt sich auch in den Zulassungszahlen wieder. Zwischen 2015 und 2018 hat es einen Rückgang an Diesel-Zulassungen von 15,9 Prozent gegeben, aber 12,8 Prozent mehr verkaufte Benziner. Das führt zwar zu geringeren Stickoxidwerten, dafür allerdings zu hohen CO2-Werten in den Städten.

Aus einer Ihrer Untersuchungen geht hervor, dass sich bei der Aufdeckung des Skandals im Jahr 2015 nur wenig Autofahrer vom Diesel auf den Benziner umorientierten. Warum war das so?

Das stimmt. Zu Beginn des Skandals kauften die Verbraucher weiter Diesel. Erst, als im Januar 2017 die Diskussion um Fahrverbote aufkam, sanken die Zulassungen plötzlich. Die drohenden Fahrverbote führten zu einer starken Verunsicherung in der Bevölkerung, denn nun drohte der Wertverlust des Autos.

Welche Fehler hat die Politik in den drei Jahren seit Aufdecken der Dieselaffäre gemacht?

In den vergangenen Jahren entstand in der Bevölkerung der Eindruck, dass die Bundesregierung und das Verkehrsministerium eine Kultur des Wegschauens etabliert und damit den Abgasskandal überhaupt erst ermöglicht haben. Zugleich fühlt die Bevölkerung, dass die Aufklärung des Skandals nur halbherzig angepackt wurde. Deshalb meinen viele: Die Politik kümmert sich nicht. Wir können uns auf sie nicht verlassen, da sie die Autokonzerne nicht reguliert und sanktioniert. Auf dem Schaden bleibe ich dann sitzen.

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