Der Titel der Rede ist für einen deutschen Ministerpräsidenten, der in der Türkei spricht, ungewöhnlich. Der Inhalt, der dann folgt, noch mehr. "Europa und die Türkei" lautet das Thema, das sich Baden-Württembergs Regierungschef Winfried Kretschmann für seine Rede vor Professoren und Studenten der Universität Ankara vorgenommen hat. Es folgt ein deutliches Plädoyer für die Vollmitgliedschaft der Türkei in der EU.

"Wir müssen", fordert Kretschmann, "der Türkei die Tür nach Europa öffnen statt Hindernisse aufzutürmen. Sonst besteht die Gefahr, dass sich die Türkei von Europa abwendet - zu unserer aller Nachteil." Wer behaupte, die islamische Prägung der türkischen Gesellschaft schließe sie aus Europa aus, dem widerspreche er: "Der Islam ist seit Jahrhunderten ein Teil Europas."

Seine Worte verknüpft Kretschmann indirekt mit Kritik an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die eine Vollmitgliedschaft ablehnt. Leider seien die Verhandlungen "schon viel zu lange und auf unabsehbare Zeit durch innenpolitisch motivierte Vetos einzelner EU-Mitgliedstaaten blockiert, sagt der Ministerpräsident mit Blick auf die ablehnende Haltung der deutschen Bundesregierung wie auch von Frankreich, Zypern und Griechenland. Wirtschaftlich könne die Dynamik und die Aufbruchstimmung in der Türkei mit einem Wirtschaftswachstum von 8,5 Prozent "einem schwächelnden Europa nur nützlich sein".

Aber auch außenpolitisch übernehme die Türkei immer mehr Verantwortung. Das habe nicht zuletzt die stabilisierende Rolle der Türkei im arabischen Frühling gezeigt. Weitere Bewährungsproben würden sich nun angesichts der dramatischen Situation in Syrien ergeben. Er ruft in diesem Zusammenhang alle Seiten zu "Besonnenheit" auf.

Erst vor wenigen Tagen war Außenminister Guido Westerwelle (FDP) in der Türkei. Nun folgt Kretschmann als eine Art Nebenaußenminister. Es ist eine ungewöhnliche Rolle - aber eine, die er mit Bedacht einnimmt. Baden-Württemberg habe in dieser Frage "vitale Interessen" aufgrund der starken wirtschaftlichen Verflechtungen und der gut 430 000 Menschen türkischer Abstammung, die im Südwesten leben.

In seiner Rede in Ankara spricht sich der Ministerpräsident aber gegen einen bedingungslosen EU-Beitritt der Türkei aus. Er rede "keinem Beitrittsautomatismus das Wort". Die Grundlage der Verhandlungen müsse die Einhaltung der für alle Mitglieder gültigen politischen und wirtschaftlichen Kriterien sein. Trotz großer Fortschritte seien hier "weitere Anstrengungen" erforderlich.