Berlin "SPD wirkt unsortiert und unbeständig"

Thorsten Faas: Die niedrigen Werte der SPD haben viel mit verlorenem Vertrauen zu tun.
Thorsten Faas: Die niedrigen Werte der SPD haben viel mit verlorenem Vertrauen zu tun. © Foto: Uni Mainz
ANTJE BERG 10.03.2015
Die meisten Wähler sind zufrieden mit der großen Koalition. Dass die SPD davon nicht profitiert, liegt auch an ihr selbst und nicht nur an der beliebten Kanzlerin, sagt der Mainzer Politik-Professor Thorsten Faas.

Herr Professor Faas, die große Koalition ist trotz aller Reibereien bei den Bürgern beliebt wie nie zuvor. Warum profitiert die SPD nicht ebenso davon wie die CDU?

THORSTEN FAAS: Obwohl die SPD wichtige Versprechen aus dem Wahlkampf zügig eingelöst hat, etwa den Mindestlohn oder die Rente ab 63, kann sie nicht erwarten, sich ebenso schnell wieder der 30-Prozent-Marke zu nähern. So funktionieren Wähler nicht. Die niedrigen Werte der SPD, ihr Verharren im 25-Prozent-Keller hat viel mit dem verlorenem Vertrauen der vergangenen Jahre zu tun - Stichworte sind Hartz IV, Rente mit 67, Erhöhung der Mehrwertsteuer.

Vertrauen aufzubauen dauert demnach länger, als es zu verlieren.

FAAS: So ist es. Dieser Vertrauensverlust hat in der SPD außerdem zu einer spürbaren Verunsicherung geführt, die bis heute anhält und die Partei als nur bedingt standfest erscheinen lässt. Hinzukommt: Sobald die SPD zeigt, dass sie durch ihre Projekte auch auf höhere Umfragewerte hofft, reagieren die Bürger verstimmt. Sie erleben das als billigen Versuch einer geschwächten Partei zu punkten. Die Wähler mögen diese strategischen Sichtweisen nicht.

Welche Rolle spielen die handelnden Personen?

FAAS: Die größte Rolle spielt Angela Merkel. Natürlich agiert auch sie strategisch, genießt aber trotzdem eine außerordentlich hohe Glaubwürdigkeit, die sie sich im Lauf der Zeit erarbeitet hat. Damit steht sie für eine Art der Beständigkeit, mit der die SPD angesichts ihres immer wieder wechselnden Personals nicht aufwarten kann.

Inwiefern?

FAAS: Nach Gerhard Schröder setzte die Partei auf Frank-Walter Steinmeier, danach auf Peer Steinbrück, jetzt auf Sigmar Gabriel. Das wirkt auf den Wähler unsortiert, weniger eindeutig, weniger entschlossen. In unruhigen und schwierigen Zeiten ist das ein großer Nachteil. Hinzukommt, dass Frau Merkel als Person sehr authentisch wirkt, ähnlich wie etwa der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann oder Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz.

Warum schätzen das die Wähler?

FAAS: Diese nüchternen, fast schon spröden Charaktere scheinen vielen Bürgern in den Zeiten wachsender Politikverdrossenheit Gewähr dafür zu bieten, dass es diesen Politikern um die Sache, um Inhalte geht - und nicht in erster Linie um persönliche Vorteile, strahlende Auftritte und politisches Fortkommen.

Was muss die SPD tun, um aus ihrem Dauertief herauszukommen?

FAAS: Vielleicht ist es am wichtigsten, Ruhe zu bewahren, nicht immer wieder die Strategie zu ändern. In den Bundesländern sind die Sozialdemokraten ja nicht schlecht aufgestellt. Gabriel will die Partei dauerhaft in die Mitte führen, einen eher wirtschaftsfreundlichen Kurs fahren, der aber die Interessen der Arbeitnehmer ebenso berücksichtigt. Letztlich ist es sein Ziel, auch potenzielle Unionswähler zu gewinnen.

Wie aussichtsreich ist das?

FAAS: Die Rechnung könnte aufgehen, wenn die SPD in nächster Zeit keine neue Debatte über ihre politische Ausrichtung vom Zaun bricht. Sie muss sich, auch wenn das schwer fällt, weiter in Geduld üben - möglicherweise bis zu jenem Tag, an dem sich Frau Merkel aus der Politik verabschiedet.

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