Meinung „Selbst gut integrierte Deutsch-Türken wählen Erdogan“

Ahmet Toprak, Sozial- und Erziehungswissenschaftler an der Fachhochschule Dortmund.
Ahmet Toprak, Sozial- und Erziehungswissenschaftler an der Fachhochschule Dortmund. © Foto: privat
Ulm / Stefan Kegel 25.06.2018
Interview mit Ahmet Toprak, Sozial- und Erziehungswissenschaftler an der Fachhochschule Dortmund, über die große Zustimmung zu Erdogan unter Deutsch-Türken.

Herr Toprak, auf Straßen in deutschen Großstädten haben viele Deutsch-Türken die Wiederwahl von Präsident Recep Tayyip Erdogan gefeiert, seine Zustimmungswerte sind unter ihnen größer als in der Türkei selbst. Woher rührt diese große Zustimmung?

Auch wenn sich bei den Zahlen im Vergleich zu den letzten Wahlen und zum Verfassungsreferendum im vergangenen Jahr wenig geändert hat, ist eines neu: wie viele Deutsch-Türken ihre Unterstützung für Erdogan offen und selbstbewusst auf den Straßen zeigen. Ich interpretiere es als Protest – und ein wenig Trotz – gegen die Auftrittsverbote für türkische Politiker in Deutschland.

Und welche Gründe haben diese Menschen bewegt, für Erdogan zu stimmen?

Viele Erdogan-Anhänger sind Einwanderer aus Zentral-Anatolien, einem ländlich geprägten Gebiet, und ein großer Teil von ihnen sind fromme, sehr religiöse, wenig gebildete Menschen. Sie nehmen Erdogan als jemanden wahr, der endlich ihre Interessen vertritt. Die eigene Religiosität in der Öffentlichkeit zu zeigen, war in der laizistischen Türkei 80 Jahre lang verpönt. Und jetzt lockert er dort das Kopftuchverbot und lässt verstärkt Moscheen bauen. Das kommt an.

Aber man sieht ja auf deutschen Straßen vor allem junge Leute türkische Fahnen schwenken. Hat sich dieser Blick auf die Türkei auch an die folgenden Generationen vererbt?

Definitiv. Sie werden in ihrem Milieu sozialisiert und geprägt. Deswegen hat die Zustimmung zu Erdogan meines Erachtens auch wenig mit dem Thema Integration zu tun. Selbst in der dritten Generation gibt es Menschen, die sehr gut Deutsch sprechen, die integriert sind, eine Ausbildung gemacht oder studiert haben – und trotzdem wählen sie Erdogan, weil sie ideologisch von ihm überzeugt sind und in ihm ihre politische Heimat sehen. Sie sind einfach rechte Konservative, so wie es sie zahlreich auch unter Deutschen gibt.

Man kann also auch mit verstärkten Integrationsbemühungen am Erdogan-Fieber nichts ändern?

Meine These ist, dass wir eine bestimmte Gruppe dieser Menschen niemals erreichen werden. Wenn wir über Integration reden, meinen wir auch, dass sich diese Leute Deutschland zugehörig fühlen. Aber eine emotionale Integration kann man nicht erzwingen. Bei vielen Erdogan-Anhängern wird diese Identifikation mit Deutschland niemals kommen. Das muss man anerkennen.

Sehen Sie darin ein Problem?

Nicht grundsätzlich. So lange sich jemand verfassungsgemäß verhält, kann man niemandem verbieten, Erdogan zu wählen. Genauso wenig, wie man verhindern kann, dass jemand die AfD wählt.

Warum ist der Blick auf die Autokratie, die Erdogan aufbaut, auch unter jungen Deutsch-Türken so unkritisch? Sie sitzen doch in der Schule im selben politischen Bildungsunterricht wie alle anderen. Warum betrachten sie die Demokratie anders?

Das hat zum einen mit der türkischen Propaganda zu tun. Im Staatsfernsehen, das auch in Deutschland viele Türken schauen, wird Demokratie völlig anders erklärt. Da werden 90 Prozent Wahlbeteiligung schon als ein Beweis für Demokratie genannt. Minderheitenschutz, Bürgerrechte oder Pressefreiheit spielen dort keine Rolle. Im Gegenteil: Kritiker werden als Terroristen abgestempelt. Hinzu kommt: Erdogan-Anhänger haben sich immer benachteiligt gefühlt. Wenn jetzt jemand wie er ihre Interessen vertritt, ordnen sie seinem Machterhalt auch demokratische Verhaltensweisen unter. Ob bewusst oder nicht – da tut sich ein Demokratiedefizit auf.

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