Herr Professor Arzheimer, welche Gründe gibt es für den starken Anstieg vor allem fremdenfeindlich motivierter Gewalt?

KAI ARZHEIMER: Ein trivialer Grund ist, dass Sicherheitsbehörden, Medien und Öffentlichkeit sensibilisiert sind und genauer hinschauen als in vergangenen Jahren. Da wurden fremdenfeindliche Motive oft nicht als solche erkannt und erfasst. Es gibt aber zwei weitere wichtige Gründe. Zum einen werden wegen der gestiegenen Zahl von Flüchtlingen mehr Einrichtungen benötigt, gegen die sich dann örtlicher Widerstand regt. Zum zweiten wissen wir aus der Untersuchung früherer Wellen fremdenfeindlicher Gewalt, dass Anschläge und die Berichte darüber Nachahmertaten auslösen können. Solche Taten treten oft in Wellen auf.

Die Schwerpunkte dieser Aktionen scheinen in den ostdeutschen Bundesländern zu liegen - warum?

ARZHEIMER: In der Vergangenheit waren "Fremde" - Ausländer, aber auch Deutsche mit vermeintlich fremdem Aussehen oder Namen - in Ostdeutschland einem überproportionalen Risiko ausgesetzt. Dort wurde ein großer Teil der fremdenfeindlichen Gewalttaten begangen, obwohl es da sehr viel weniger potentielle Opfer gibt als in den meisten westdeutschen Regionen. Ein wesentlicher Grund dafür sind die fehlenden Sozialkontakte zwischen der einheimischen Bevölkerung und den "Fremden". Je fremder Flüchtlinge, Zuwanderer und Deutsche mit Migrationshintergrund bleiben, desto bedrohlicher erscheinen sie. Hinzu kommen natürlich wirtschaftliche und soziale Unsicherheiten, die in weiten Teilen Ostdeutschlands immer noch größer sind als im Westen. Gerade auf dem Land sind diejenigen mit den besten Zukunftschancen abgewandert.

Was steckt hinter diesem Hass auf Ausländer und Flüchtlinge?

ARZHEIMER: Abstiegs- und Zukunftsängste und ein - wahrgenommener - Kampf um knappe Ressourcen, die auf die Flüchtlinge projiziert werden, spielen eine Rolle. Der Wunsch, die eigene Gruppe aufzuwerten. Oft werden fremdenfeindliche Einstellungen und Vorurteile unkritisch und ungeprüft aus dem Umfeld - Schule, Familie, Freundeskreis - übernommen.

Was hilft gegen wachsende Intoleranz und Aggressivität zu Lasten von Asylbewerbern?

ARZHEIMER: Soziale Kontakte und objektivere Informationen sind wichtig. Direkte und positive Sozialkontakte zwischen "Fremden" und der Einheimischen, etwa beim Sport oder am Arbeitsplatz. Je besser man sich kennenlernt, desto unwahrscheinlicher sind negative Reaktionen. Viele Bürger haben außerdem völlig überzogene Vorstellungen von der Zahl der Flüchtlinge und den Leistungen, die sie erhalten. Auch darüber, dass Deutschland bald sehr viel mehr Zuwanderer benötigt, um die Folgen des demographischen Wandels für Arbeitsmarkt und Sozialsysteme abzufedern, weiß die Bevölkerung sehr wenig. Hier sind Schulen, Medien und vor allem auch Politiker gefordert.

Ein harter Kern von teils gewaltbereiten Fremdenfeinden dürfte aber so nicht zu erreichen sein. . .

ARZHEIMER: Hier hilft nur Repression. Also eine konsequente Strafverfolgung von Gewalttätern und ein Konsens der demokratischen Parteien, dass Fremdenfeindlichkeit und Rassismus auch im Alltag und unterhalb der Schwelle zur Gewalt keinen Platz haben dürfen.