"Neues aus der Anstalt"

Gustl Mollath sitzt seit fast sieben Jahren in der Psychiatrie. Er hofft nun, dass seine Beschwerde gegen die Unterbringung Erfolg hat. Foto: Getty Images
Gustl Mollath sitzt seit fast sieben Jahren in der Psychiatrie. Er hofft nun, dass seine Beschwerde gegen die Unterbringung Erfolg hat. Foto: Getty Images
PATRICK GUYTON 20.11.2012
Der Nürnberger Gustl Mollath sitzt seit fast sieben Jahren in der geschlossenen Psychiatrie. Hinter seinem Fall steckt möglicherweise ein großer Justizskandal. Ein Besuch im Bezirkskrankenhaus Bayreuth.

In dem Zimmer stehen drei kleinere Tische mit je vier Stühlen und immergrüne Topfpflanzen, die wenig Licht brauchen und auch im Schatten ein karges Leben fristen können. Es tritt ein Mann ein, der aufgeräumt wirkt. "Grüß Gott, Gustl Mollath." Fester Händedruck, offener Blick. Die Fenster in diesem Zimmer haben keine Gitter, aber Sicherheitsglas, das man nicht einschlagen kann. Es ist der Besucherraum der Station FP4 des Bezirkskrankenhauses Bayreuth. Geschlossene Psychiatrie. Mollath setzt sich und breitet die Arme leicht aus: "Sie fragen einfach."

Seit sechs Jahren und neun Monaten ist Gustl Mollath in verschiedenen geschlossenen Anstalten in Bayern eingesperrt - zusammen mit schwerst gestörten Verbrechern und Gewalttätern. Laut psychiatrischen Gutachten und Urteil des Landgerichts Nürnberg gilt der 56-Jährige als unzurechnungsfähig, gemeingefährlich und von einem "paranoiden Wahnsystem" besessen. Dieses besteht aus der Annahme, dass seine Ex-Frau, einst Vermögensberaterin der Hypo-Vereinsbank (HVB) in Nürnberg, für ihre Kunden in großem Stil Schwarzgeld in die Schweiz verschoben hat.

"Ich habe meine Frau geliebt", sagt Gustl Mollath, blickt auf den Tisch und lutscht ein Kräuterbonbon. "Ich wollte sie schützen. Ich hatte Angst, dass das alles auffliegt, dass plötzlich die Polizei vor der Tür steht." Schon seit 1978 waren die beiden zusammen. Sie, die Bankerin - "tough und impulsiv". Er, der gelernte Maschinenschlosser, der ein Faible hat für Oldtimer, ältere Rennwagen und Motorräder. "Ich bin ein ganz altmodischer Ferrarista", meint er.

In den 1990er Jahren und zu Beginn der 2000er nahmen die Ehestreitereien wegen der angeblichen Schwarzgeldgeschäfte zu. "Ich habe sie angefleht, damit aufzuhören. Sie hat mich ausgelacht." Manchmal sei sie handgreiflich geworden, er habe sich verteidigt. Sagt Mollath. Es ist die Vorstufe zum Rosenkrieg.

Er hatte Recht gehabt. Es gab die Schwarzgeldverschiebungen - so, wie er es beschrieben hat. Und Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) steht massiv unter Druck. "Was soll ich jetzt dazu sagen?", meint er ruhig. "Ich wusste das ja schon immer." Über sein Gesicht mit dem akkuraten schmalen Schnurrbart huscht ein Lächeln. Laut dem kürzlich öffentlich gewordenen Revisionsbericht der HVB aus dem Jahr 2003 haben sich "alle nachprüfbaren Behauptungen als zutreffend herausgestellt".

Die Justizministerin weist allerdings alle Vorwürfe gegen sich und ihr Ministerium zurück. Sie habe weder im Rechtsausschuss des Landtags die Unwahrheit gesagt noch sei sie verantwortlich zu machen, dass Mollath seit Jahren in der geschlossenen Psychiatrie ist.

"Hier gibt es keine menschliche Regung", sagt Gustl Mollath über die forensische Abteilung des Krankenhauses. "Nicht bei den Pflegern, nicht bei den Ärzten." Seit diesem Februar hat er ein Einzelzimmer, die Jahre zuvor musste er sich das Zimmer mit einem Insassen teilen. "Das sind Mehrfachmörder, Vergewaltiger, Drogensüchtige, Dealer. Nicht so der Typ Mensch, mit dem ich früher zu tun hatte", meint er. Jede Nacht werde ein Mal das Zimmer ausgeleuchtet. "Ich wache davon immer auf." Das Personal schaut nach, ob noch alle da sind, sich niemand umgebracht hat. Seine Briefe versieht er mit dem Absender: "Gustl Mollath, derzeit gegen seinen Willen festgehalten im Bezirkskrankenhaus Bayreuth". Sein jüngster Flyer, den er verschickte, trug den Titel: "Neues aus der Anstalt." Er ist fähig zur Ironie.

Gustl Mollath erzählt, dass er erst vor einigen Monaten durchsetzen konnte, einen eigenen Fernseher im Zimmer zu haben. Im gemeinsamen Fernsehraum sei abends "der Streit vorhersehbar gewesen", die anderen Insassen wollten immer Action- und Gewaltfilme auf den Privatsendern anschauen, er hingegen "am liebsten Informationssendungen". Mit zwei anderen teilt er sich ein Telefon. PC, Internet oder eine Schreibmaschine sind ihm nicht gestattet. Seine ganze Korrespondenz erledigt er handschriftlich. Nur ein Mal am Tag hat Gustl Mollath Hofgang, ein Mal die Woche ist draußen Volleyball, aber nur wenn das Wetter gut ist.

An dem Urteil von 2006 fällt eines auf: Sämtliche ihm vorgeworfene Taten - gefährliche Körperverletzung an seiner ehemaligen Frau, Freiheitsberaubung und Sachbeschädigung - werden vom Gericht mit seinem "paranoiden Gedankensystem" begründet. Sie hätten sich unter "wahnhaft erlebter Bedrohung" ereignet. Zusätzlich haben die Richter provokante Bemerkungen von Mollath erbost, etwa: "Ich trete aus dem Rechtsstaat aus." Was aber ist nun, da der Wahn gar kein Wahn war? Er bestreitet die Taten.

Ein Mann scheint hier voll bei Sinnen zu sein. Wo ist das andere, das zweite Gesicht? "Das gibt es nicht, ich bin einfach der Gustl Mollath." Wie schafft man es, bei dieser Geschichte nicht verrückt zu werden? "Daran denke ich jeden Tag", sagt er. "Man braucht einen starken, festen Charakter, Gottes Hilfe und eine friedfertige Persönlichkeit." Er wartet derzeit auf eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes, dort liegt eine Beschwerde gegen seine Unterbringung vor.

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