Interview „Mit dem Unsinn haben wir uns zehn Jahre lang aufgehalten“

Mohammad Al-Zulfa, 73, forderte bereits 2005 ein Frauenfahrrecht.
Mohammad Al-Zulfa, 73, forderte bereits 2005 ein Frauenfahrrecht. © Foto: Katharina Eglau
Riad / Martin Gehlen 23.06.2018

Der Historiker Mohammad Al-Zulfa, 73, ist einer der frühen Reformstimmen Saudi-Arabiens. Zwölf Jahre lang saß er im Schura-Rat, dem von saudischen König berufenen Parlament. Die Debatte um das Frauenfahrrecht hat er genau dokumentiert – damit nachfolgende Generationen nachvollziehen können, mit was für einen Unsinn man sich im Königreich aufgehalten hat, sagt er.

Herr Al-Zulfa, Sie haben im Jahr 2005 als erster Politiker in Saudi-Arabien öffentlich das Autofahren für Frauen gefordert. Wie war damals das Echo?

Mohammad Al-Zulfa: Es gab sehr negative Reaktionen bis hin zu Morddrohungen. Viele Leute fanden meinen Vorschlag völlig abwegig. Aber der damalige König Abdullah erlaubte eine gewisse öffentliche Debatte über dieses heikle Thema. Ich habe diese gesamte von mir ausgelöste Diskussion in Saudi-Arabien dokumentiert, das sind mehr als 1400 Seiten. Als Historiker möchte ich der jungen Generation zeigen, dass wir uns mit einem derartigen Unsinn mehr als zehn Jahre lang aufgehalten haben.

Wie sind Ihre Gefühle heute vor dem 24. Juni, dem Start des Frauenfahrens?

Ich bin sehr glücklich. Viele Menschen haben mich in den letzten Wochen angerufen. Sie haben mir gedankt, dass ich dieses Thema damals als erster angesprochen habe. Sie haben mir geschildert, wie sehr sie unter dem Verbot und unter der Knute der Konservativen gelitten haben.

Wie sehen die jungen Leute den heutigen Kurs Saudi-Arabiens?

Sie sind sehr enthusiastisch. Dabei geht es nicht nur um das Autofahren. Ich schätze, ein Großteil der Bevölkerung unterstützt die Reformen von Kronprinz Mohammed bin Salman. Die jungen Leute sind froh, dass Saudi-Arabien endlich ein genauso normales Land wird wie andere Nationen auch. Jeder kann Auto fahren, jeder kann ins Kino oder zu Konzerten gehen, egal ob saudische oder nicht-saudische Sänger auftreten. Das war vor einem Jahr noch undenkbar. Wir kehren zurück zu einer Normalität, wie sie bereits in den sechziger und siebziger Jahren existierte.

 Wie meinen Sie das?

Wir kehren zurück zu einem Alltag, der in meinen jungen Jahren in Saudi-Arabien selbstverständlich war. Nach der Geiselnahme in Mekka 1979 jedoch erzwang der konservative Klerus eine Wende und setzte eine totale Trennung von Männern und Frauen durch. Damit begann auch die Zeit der arrangierten Hochzeiten. Davor war es völlig normal, dass sich die Eheleute vorab kennenlernten.

Ausgerechnet vor dem ersten Frauenfahrtag wurden zahlreiche Aktivistinnen verhaftet. Was hat dies zu bedeuten?

Ich kenne einige der Verhafteten. Ich weiß nicht, was sie genau wollen. Sie haben viel bekommen, die Regierung tut sehr viel. Sie sollten damit zufrieden sein und nicht zu hart drängen, damit die Gesellschaft nicht überfordert wird. Das Tempo der Reformen ist in meinen Augen gut, aber es muss noch mehr geschehen. Ich wünsche mir zum Beispiel Frauen als Ministerinnen, als Botschafterinnen, als Kulturattachés in anderen Ländern.

Wie viel Einfluss hat der Klerus noch?

Die Religionspolizei ist völlig von den Straßen verschwunden. Ich würde ihnen empfehlen, sich künftig als Verkehrspolizisten zu betätigen. Die Konservativen schimpfen noch in einigen Winkeln der sozialen Medien. Aber wirkliche Macht haben sie keine mehr.

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