Ulm / Antje Berg  Uhr
David ist der Sohn zweier lesbischer Mütter, er wurde durch eine Samenspende gezeugt. Jetzt kennt er den Namen des Spenders.

Der Umschlag steckt in einem Ordner in Davids Zimmer. Ein braunes, unscheinbares Kuvert, das 18 Jahre lang ein Geheimnis geborgen hat. Das Geheimnis, wer Davids biologischer Vater ist. Vor kurzem hat ihn der angehende Student, der in einer Stadt im Südwesten lebt, bei einem Berliner Notar abgeholt. Eine seiner beiden Mütter hat ihn dabei begleitet. Die andere wartete zuhause, was ihr Sohn erzählen würde. Wäre es nach dem schlaksigen jungen Mann gegangen, hätte er sich vielleicht erst später auf den Weg gemacht: „Aber die beiden wollten, dass ich den Umschlag möglichst bald abhole, damit er in meinen Händen ist“, sagt er und lächelt.

David, er heißt in Wirklichkeit anders, ist inzwischen 19 –  so alt wie seine Mütter, als sie sich 1987 kennenlernten. Später verliebten sie sich ineinander. Andrea und Elisabeth haben wir sie genannt, als wir 2013 über ihre Familie berichteten, zwei Akademikerinnen, die eine brünett, die andere blond, zwei lässige Frauen, die selbstbewusst im Leben stehen. Anlass war die aufgeregte öffentliche Debatte darüber, ob ein Kind bei einem gleichgeschlechtlichen Paar aufwachsen könne, ohne seelisch Schaden zu nehmen. Kurz zuvor hatte das Bundesverfassungsgericht nüchtern Fakten geschaffen und Einschränkungen beim Adoptionsrecht für homosexuelle Lebenspartner für verfassungswidrig erklärt.

Andrea und Elisabeth führen das, was der Volksmund eine Homo-Ehe nennt. Ihren Sohn verdanken sie einer künstlichen Befruchtung. David sagt: "Ich kenne es nicht anders, und ich wünsche es mir nicht anders."

David war damals mitten in der Pubertät und meinte ohne Scheu: „Unsere Familie ist für mich das Normalste der Welt. Ich kenne es nicht anderes, und ich wünsche es mir nicht anders.“ An seiner Einstellung hat sich nichts geändert – auch nicht an der entspannten Art, mit der er über seine Erfahrungen als Sohn zweier lesbischer Mütter spricht. Die beiden Frauen leben seit zwei Jahren getrennt. Andrea (50) ist ausgezogen, David bei Elisabeth (49) geblieben. Andrea sagt: „Für uns gibt es nichts zu verbergen, zu vertuschen, zurückzuhalten.“ Diese Offenheit untereinander zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben der Familie. 

Es war ein langer Weg, bis die beiden Frauen Eltern werden konnten. „Unter der Hand hätten wir die künstliche Befruchtung bei einem deutschen Arzt machen lassen können. Aber wir wollten einen Spender, dessen Namen unser Kind eines Tages erfahren kann. Das war in Deutschland nicht möglich“, sagt Elisabeth und schaut David, der sich einen Tee geholt hat und nun mit am Küchentisch sitzt, voller Zuneigung an. Einen Mann aus dem Freundeskreis zu fragen, war anfangs eine Option, doch die rechtlichen Unsicherheiten hierzulande erschienen letztlich zu groß. Der Samenspender hätte später, entgegen jeder zuvor gegebenen Zusicherung, Ansprüche wie das Sorgerecht geltend machen können. Ebenso hätte das Kind auf Unterhalt klagen können.

Deshalb fällt die Wahl auf eine niederländische Klinik, die legal Inseminationen auch für homosexuelle Paare anbietet. Zweieinhalb Jahre lang fahren Andrea und Elisabeth dorthin. „Auf die Adresse sind wir durch ein Buch über Insemination gestoßen“, erzählt Elisabeth.  Ein „Yes“-Spender sollte es sein, ein Mann also, der damit einverstanden ist, dass das Kind im Alter von 18 Jahren den Namen seines biologischen Vaters erhält. „Ein Kind sollte die Chance haben, zu erfahren, wo seine biologischen Wurzeln sind“, sagt Andrea und klingt dabei sehr bestimmt.

Sie ist es, die das Kind austrägt, und als David endlich da ist, versprechen sich die beiden, ihren Sohn über seine Entstehung nie zu belügen, jede seiner Fragen ehrlich zu beantworten. Und: „Wir haben immer nur gut über den Spender geredet“, erzählt Andrea.  Als sie David in einem evangelischen Kindergarten anmelden, erklären sie, wie ihr Sohn gezeugt worden ist. Kein Problem, meint die Erzieherin, und dankt für das mitgebrachte Kinderbuch  – falls es die anderen Jungen und Mädchen doch einmal genauer wissen wollen.

Fragen nach seinem Vater pariert David selbstbewusst: „Manche haben keinen Papa, dafür habe ich zwei Mamas.“ Im Gymnasium sucht er sich Freunde, die seine Familiengeschichte entspannt sehen. Wann immer Andrea und Elisabeth thematisieren, dass David eines Tages den Namen seines Vaters erfahren soll, haben sie den Eindruck, „dass ihn das nicht interessiert“. David wächst heran – stabil, in sich ruhend, selbstbewusst.

Nach seinem 18. Geburtstag kommt das Thema immer öfter zur Sprache – der Notar muss den Umschlag nicht ewig aufbewahren. David aber hat dafür keinen Kopf, er bereitet sich aufs Abitur vor. Auch seinen Müttern ist es wichtig, dass er erst einmal seine Prüfungen hinter sich bringt: „Ich war mir nicht sicher, was das Wissen über seinen Vater mit ihm macht. So etwas kann man nicht vorhersagen“, sagt Elisabeth.  Dennoch meint auch sie: „Vielleicht kommt er mal an den Punkt, an dem er wissen will, wo seine biologischen Wurzeln sind.“

Monate später steigen David und Andrea, seine leibliche Mutter, in den Zug nach Berlin. „Du musst den Umschlag nicht öffnen. Aber vielleicht wird es mal ein Thema für Dich, wenn Du selbst Kinder bekommst“, sagt sie ihrem Sohn, mit dem sie auch nach der Trennung ein sehr enges, vertrauensvolles Verhältnis hat. Vor der Reise hatte er im Gespräch mit uns betont: „Dieser Mann ist niemand, der in meinem Leben gefehlt hat. Mich beschäftigt das emotional nicht. Ich könnte auch sagen: Er ist völlig irrelevant für mich.“

Auf der Fahrt versucht Andrea herauszufinden, was in David vorgeht: „Ich dachte, für ihn müsse es ein großer Moment sein, aber das war es nicht.“  Und sie sagt: „Es war schön zu spüren, dass er ganz offensichtlich nie etwas vermisst hat.“ Mutter und Sohn  kommen abends an, der Notartermin ist am nächsten Morgen. David legt seinen Ausweis auf den Tisch, der Notar übergibt ihm den Briefumschlag, ein bisschen Smalltalk. „Danach waren wir in der Stadt unterwegs“, erzählt er. „Später haben wir uns im Hotel in unseren Klamotten aufs Bett geworfen, weil wir so k.o. waren – und dann habe ich den Umschlag geöffnet.“

 „Strikt vertrouwelijk“, steht da. Es folgen der Name und das Geburtsdatum des Mannes. Und weiter: bloedgroep, lengte, huidskleur, haarkleur, oogkleur, dazu die Adresse des Spenders vor fast 20 Jahren. David googelt die Übersetzung: Streng vertraulich – Blutgruppe, Größe, Hautfarbe, Haarfarbe, Augenfarbe. Andrea sucht im Internet und wird schnell fündig – auf LinkedIn, einem Portal zur Pflege beruflicher Verbindungen, gibt es auch ein Foto zu dem Namen.  „Schau“, sagt sie, „das könnte er sein.“ Und ärgert sich sofort: „Ich hätte das nicht tun sollen, ich hätte es David selbst überlassen sollen.“

Der findet das nicht weiter schlimm. „Es ist halt ein Typ und sein Profil auf LinkedIn. Es ist keine Beziehung da, keine Bindung zu ihm. Zumindest jetzt nicht.“  David schickt die Daten per Smartphone seiner Freundin Mara  – und natürlich Elisabeth. „Meine Freundin hat gleich Ähnlichkeiten zwischen ihm und mir entdeckt“, erzählt er. Mara sagt: „Ganz sicher, die Gesichtsform, das fein geschnittene Gesicht, die Nase und die Lippen.“ Ähnlichkeiten, die David selbst nicht sieht. Aber das sei wohl bei allen Kindern so, meint er gelassen.

Die beiden haben sich erst vor kurzem kennengelernt, und Mara findet es „einfach interessant und spannend“, wie ihr Freund gezeugt worden ist. David hat sich über Maras „unverklemmte Reaktion“ gefreut. Die Ablehnung anderer habe er bisher nur selten gespürt. „Vielleicht liegt es auch daran, dass ich die Geschichte unserer Familie niemandem aufdränge. Aber wer fragt, bekommt eine ehrliche Antwort.“

Andrea selbst würde, obwohl sie – biologisch gesehen – ein Kind mit dem Mann aus den Niederlanden hat, niemals Kontakt mit ihm aufnehmen: „Das steht mir nicht zu.“ Ihm gegenüber empfindet sie nur Gutes. „Ohne ihn hätte ich David nicht, er würde nicht leben, wäre nicht Teil meines Lebens.“ Elisabeth geht es ebenso: „Ich bin nicht neugierig, wie dieser Mann ist. Aber ich bin ihm unendlich dankbar für das, was er für uns getan hat.“

Und was wird David unternehmen? „Ich mache erst mal nichts“, sagt er, meint nun aber doch: „Vielleicht fahre ich irgendwann mal nach Holland, wer weiß?“ Der Fairness halber würde er seinem biologischen Vater vorher per Mail schreiben. „Ich müsste erst einmal wissen, was ich ihm sagen, was ich ihn fragen würde, was ich überhaupt von ihm will. Aber das“, findet er, „hat noch Zeit.“

Keine anonymen Spenden mehr

Die anonyme Samenspende gehört in Deutschland bald der Vergangenheit an. Vom 1. Juli 2018 an wird es ein Samenspenderegister geben. Jedes mit einem Spendersamen
gezeugte Kind hat dann das Recht, den Namen seines biologischen Vaters zu erfahren.

Ärzten ist es gesetzlich nicht verboten, bei lesbischen Paaren eine künstliche Befruchtung mit Spendersamen durchzuführen. Eine Richtlinie der Bundesärztekammer
riet allerdings bislang davon ab. In den kommenden
Wochen wird sie eine neue Richtlinie bekanntmachen, die Inseminationen bei lesbischen Paaren vorsieht.               toc