Herr Müller-Karpe, welche Art Wiederaufbau ist nach der Zerstörung durch einen Krieg sinnvoll?
MICHAEL MÜLLER-KARPE: Das kommt auf den Erhaltungszustand an. Geht es um zerbrochene und heruntergefallene Steinblöcke, können sie wieder zusammengefügt und dort eingepasst werden, wo sie vermauert waren. Problematisch wird es bei einer völligen Zerstörung. Was pulverisiert worden ist, kann man nicht wieder in den alten Zustand zurückversetzen.

Mancher meint, man könnte es nachbilden. Was halten Sie von dieser Art Neubau?
MÜLLER-KARPE: Man sollte sich nicht der Illusion hingeben, eine völlig zerstörte Stätte könne wiederhergestellt werden. Die Dinge bestehen ja nicht nur aus ihrer äußeren Form. Sie tragen eine Fülle von Informationen in sich, die wir Archäologen möglicherweise noch gar nicht alle entschlüsseln können. Wer versucht, Zeugnisse der Vergangenheit durch einen Neubau für ein Postkarten-Panorama wieder zum Leben zu erwecken, schafft damit eine Art Disneyland. Der andere Aspekt ist, dass auch die Zerstörung ein Dokument ist.

Inwiefern?
MÜLLER-KARPE: Die Verheerungen etwa in Palmyra dokumentieren das Versagen unserer Generation. Wir waren nicht in der Lage, dieses Weltkulturerbe wirksam zu schützen. Insofern ist es auch ein Akt der Ehrlichkeit, sich einzugestehen, dass es Dinge gibt, die nicht rückgängig zu machen sind.

Was bedeutet der Wiederaufbau zerstörter Stätten für die kulturelle Identität eines Landes?
MÜLLER-KARPE: Gerade in Syrien und dem Irak nimmt die Archäologie im Bewusstsein der Bevölkerung einen hohen Stellenwert ein. Man ist stolz, in einer Region zu leben, in der die Wiege der Zivilisation stand. Jeder Taxifahrer in Bagdad kann Ihnen die Abfolge von Sumerern, Babyloniern und Assyrern heruntersagen, das lernt man dort in der Schule. Das einigende Band dieser Vielvölkerstaaten ist die gemeinsame kulturelle Vergangenheit, die natürlich Identität stiftet.

Zwei Arten des Umgangs mit Zerstörungen finden wir auch bei uns: die Gedächtniskirche in Berlin und die Frauenkirche in Dresden. Ist eines besser als das andere?
MÜLLER-KARPE: Nein, beides hat seine Berechtigung. In Dresden wollte man in Anlehnung an die alte Form eine Kirche wiedererrichten, vor allem, um sie zu nutzen. Die Ruine der Gedächtnis-Kirche in Berlin hingegen ist als mahnendes Monument gedacht. Künftige Generationen sollen an die Schande und die damit verbundene Verantwortung erinnert werden. So wie es damals nicht nur die bösen Feinde oder die Nazis waren, sind es heute nicht nur die Terroristen, sondern auch wir, die wir sie an ihrem Tun nicht gehindert haben. Aber diese Schande reicht uns offenbar noch nicht: Wir müssen aus Kulturzerstörung auch noch Profit ziehen.

Was meinen Sie damit?
MÜLLER-KARPE: Terroristen finanzieren sich auch aus der Vermarktung von Antiken aus Raubgrabungen. In Deutschland, aber auch anderswo, werden solche Dinge völlig ungeniert verkauft. Es existieren genügend Händler, die so die Kriegskasse von Terroristen füllen. Das funktioniert aber nur, solange es Käufer gibt, denen die kriminelle Herkunft ihrer anrüchigen Schnäppchen egal ist. Das sind mafiöse Strukturen: An so mancher Antike ungeklärter Herkunft klebt Blut!

Was ist zu tun?
MÜLLER-KARPE: Wir  brauchen dringend ein Gesetz, wonach der Handel mit archäologischen Funden ungeklärter Herkunft grundsätzlich strafbar ist. Es geht um nichts Geringeres, als die Bewahrung des kulturellen Erbes der Menschheit vor der zerstörerischen Gier Einzelner.

Info
Dr. Michael Müller-Karpe ist Archäologe mit dem Schwerpunkt Vorderasien. Er arbeitet am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz und engagiert sich seit vielen Jahren gegen illegalen Kunsthandel sowie Antikenhehlerei.