"Junge beteiligen sich hier stärker als an Wahlen"

Hendrik Send: Manche nehmen auch nur aus Zeitvertreib an Abstimmungen teil.
Hendrik Send: Manche nehmen auch nur aus Zeitvertreib an Abstimmungen teil. © Foto: HIIG
ANDREAS CLASEN 03.03.2015
Immer mehr Bürger mischen sich über das Internet politisch ein. Konkrete Ziele, aber auch Spaß spielen dabei eine Rolle, sagt Hendrik Send, Forscher am Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin.

Herr Professor Send, Sie haben Formen politischer Beteiligung im Internet untersucht. Was charakterisiert Menschen, die etwa online über kommunale Haushalte beraten, Politikern mailen oder politischen Gruppen in sozialen Netzwerken beitreten?

HENDRIK SEND: Sie sind am ehesten aus der Gruppe unter 35 Jahre und tendenziell besser gebildet als solche, die das nicht tun. Unsere Ergebnisse widersprechen der verbreiteten Hoffnung, dass sich weniger gebildete Bevölkerungsschichten über das Internet mehr politisch beteiligen würden. Stattdessen zeigt sich wie bei Wahlen das Bild, dass sich im Netz eher Menschen mit höherem formalen Bildungsabschluss engagieren. Einen Unterschied zur klassischen Beteiligungsstruktur gibt es aber.

Welchen?

SEND: An Wahlen nehmen die unter 35-Jährigen normalerweise im Vergleich zu den Älteren weniger teil. Im Online-Bereich ist es umgekehrt. Die Jüngeren sind hier durchschnittlich politisch aktiver.

Liegt das nicht daran, dass Ältere derzeit noch weniger mit dem Internet anfangen können als Jüngere, die damit aufgewachsen sind?

SEND: Das Alter ist ein Grund, aber nicht der alleinige. Diese neuen politischen Möglichkeiten scheinen Jüngere einfach mehr anzusprechen.

Unter acht abgefragten politischen Beteiligungsformen war in der Studie die beliebteste das Mitzeichnen von Online-Petitionen. Warum?

SEND: Unsere Umfrage zeigt klar: Je weniger Zeit Menschen für eine Beteiligungsform investieren müssen, desto mehr nutzen sie diese. Das Mitzeichnen war jene, für die Befragte am wenigsten Zeit benötigten. Entsprechend weniger Leute verfassen etwa einen politischen Beitrag oder erstellen eine Petition.

Was motiviert die Menschen, sich im Internet politisch zu engagieren?

SEND: Da haben wir in der Studie mehrere Gruppen herausgefiltert. Viele unserer Befragten hatten einfach Spaß sich zu beteiligen und sie motivierte das Ziel ihrer Handlung - etwa das einer Petition. Die Mitglieder einer anderen großen Gruppe hofften eher, Anerkennung durch ihren Beitrag zu finden und vielleicht ein paar Leute mit ähnlichen Einstellungen kennenzulernen. Manche nahmen aber an Abstimmungen über Sachfragen auch nur aus Zeitvertreib teil - die hatten weder viel Spaß daran noch großes Interesse am Ergebnis.

Was für Lehren sind aus der Studie zu ziehen?

SEND: Gerade wer junge Menschen erreichen will, sollte diese unterschiedlichen Motivationen bedenken. Parteien und Nichtregierungsorganisationen müssen für sie noch ansprechendere Angebote entwickeln. Politikern stellt sich die Frage, wie sie dieses Interesse an Online-Beteiligungsformen wie Petitionen in den politischen Entscheidungsfindungsprozess besser integrieren können. Es kann etwas nicht stimmen, wenn zur Zeit private Petitionsplattformen wirkungsmächtiger erscheinen als die Einreichung einer Petition beim Bundestag.

Info Professor Hendrik Send ist Projektleiter Forschung am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin. Er zählt zum Autorenteam von "Online Mitmachen und Entscheiden - Partizipationsstudie 2014".

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