Interview „Interesse an ostdeutscher Geschichte wächst“

Anna Kaminsky: Auch in der DDR konnte man ein schönes Leben haben.
Anna Kaminsky: Auch in der DDR konnte man ein schönes Leben haben. © Foto: Bundesstiftung Aufarbeitung/Rezaeian
Berlin / André Bochow 02.11.2018

Heute vor 20 Jahren begann die „Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ mit der Arbeit. Ein Gespräch mit Geschäftsführerin Anna Kaminsky.

Frau Kaminsky, 20 Jahre „Bundesstiftung Aufarbeitung“: Was war da die wichtigste Leistung?

Anna Kaminsky: Natürlich galt es zunächst herauszuarbeiten, was den Opfern der SED-Diktatur angetan wurde und wer dafür verantwortlich war. Sehr wichtig ist auch, dass sich eine dezentrale Aufarbeitungslandschaft entwickelt hat. Daran hat die Stiftung einen großen Anteil. Und wir haben auch dazu beigetragen, das Thema in den gesamtdeutschen Fokus zu rücken.

Markus Meckel, der Vorsitzende Ihres Stiftungsrates,  hat  beklagt, dass viele in Westdeutschland die DDR in die Schublade „ostdeutsche Regionalgeschichte“ packen.

Ja, das ist vielfach noch so. Aber es verändert sich. Das Verständnis dafür, dass die zweite deutsche Diktatur zur gesamtdeutschen Geschichte gehört, wächst.

Wirklich?

Jedenfalls machen wir die Erfahrung, dass viele unserer Angebote im Westen zunehmend auf Resonanz stoßen. Vor allem die Generation, die schon im vereinten Deutschland aufgewachsen ist, geht sehr unbefangen und interessiert mit der deutschen Geschichte um.

In Ostdeutschland hat man oft den Eindruck, je länger das DDR-Ende zurückliegt, desto mehr wird verklärt.

Ich denke, es ist unbestritten, dass man auch in der DDR ein schönes Leben haben konnte. Vor allem, wenn man es geschafft hat, die politischen Verhältnisse, die Reisebeschränkungen, die Mangelwirtschaft und die staatlichen Reglementierungen in Schule, Uni oder Betrieb auszublenden. Aber die Massenflucht der Ostdeutschen vor dem 9. November 1989 hat gezeigt, ein so eingeschränktes Leben reichte den meisten nicht.

Vielleicht hängt das verklärte DDR-Bild mit Fehlern bei der Aufarbeitung zusammen. Der Blick war sehr stark auf die Stasi gerichtet. Der Alltag in der Diktatur blieb ja lange außen vor.

Dass die zu starke Konzentration auf das MfS und seine Spitzeltätigkeit in den 1990er-Jahren unzureichend war und dem Leben in der Diktatur nicht gerecht wurde, bestreitet heute niemand mehr. Als die Stiftung 1998 ihre Arbeit aufnahm, haben wir von Anfang an gesagt, wir brauchen einen breiten Ansatz. Aber man muss auch sagen: Das Interesse an allem, was mit der Stasi zusammenhing, war groß. In den 90er Jahren bestand die Aufarbeitung in den Medien vorwiegend aus Stasi-Enthüllungsgeschichten.

Interessant waren die Täter und nicht die Opfer?

Genau. Die mühevolle Darstellung, wie zum Beispiel die Diktatur vor Ort funktioniert hat, war offensichtlich nicht spannend genug. Die Stiftung hat sich aber genau darum von Anfang an gekümmert. Wir haben allerdings auch die Erfahrung gemacht, dass sich diejenigen, die sich mit dem Alltag in der Diktatur beschäftigen wollten, als unpolitisch verdächtigt wurden.

Zu den Merkwürdigkeiten des wiedervereinigten Deutschlands gehört, dass es noch kein zentrales Denkmal zum Gedenken an die Opfer der SED-Diktatur gibt.

Also wir haben eine Vielzahl von Einrichtungen und Gedenkorten, die an die  Diktatur in der DDR erinnern. Viele Gefängnisse beispielsweise wurden zu Gedenkstätten, die vor allem auch Orte des Lernens sind. Das war nicht zuletzt den Opferverbänden besonders wichtig. In absehbarer Zeit wird auch die Debatte über das Opferdenkmal Fahrt aufnehmen.

Bildung als zentrales Anliegen

Die Stiftung hat einen Etat von
fünf Millionen Euro und beschäftigt
25 Mitarbeiter. Neben zahlreichen ­Publikationen, Ausstellungen und Bildungsangeboten, organisiert sie auch Diskussionsrunden. Zuletzt sorgte eine Reihe von Abenden über das Jahr 1968 in Ost und West für Aufsehen. Geschäftsführerin Anna Kaminsky wurde 1962  in Gera geboren und wuchs in Halle (Saale) auf. Nach studierte an der  Karl-Marx-Universität Leipzig und promovierte zu dem Thema: „Sprache in der Politik“.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel