Interview „In Sachsen hat es der moralische Anstand schwer“

Berlin / Mathias Puddig 29.08.2018

Manja Schüle ist die einzige SPD-Abgeordnete aus Ostdeutschland, die direkt in den Bundestag gewählt wurde. Für das Erstarken des Rechtsextremismus in Sachsen macht sie auch Fehler der Landespolitik verantwortlich.

Frau Schüle, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Bilder aus Chemnitz gesehen haben?

Manja Schüle: Ich hatte eigentlich gedacht, Rostock-Lichtenhagen, aber auch Rathenow, Frankfurt (Oder) und Zehdenick, wo ja Anfang der 90er-Jahre die Hütte brannte, liegen hinter uns. Dass das so schnell wieder aktuell wird, habe ich nicht erwartet.

Wieso bricht sich das jetzt wieder Bahn?

Da gibt es nicht die monokausalen Erklärungen. Man kann nicht sagen, dass sich das Bahn bricht, weil 1990 etwas Spezifisches schiefgegangen ist. Genauso wenig reicht eine einzelne These. Einfach der Polizei die Schuld zu geben, ist Mumpitz und unverantwortlich. Diese Diskussion will ich nicht führen. Richtig ist aber: So etwas wie in Brandenburg, wo Ministerpräsident Stolpe den Kampf gegen Rechtsextremismus 1997 zur Chefsache gemacht hat, hat es in Sachsen nicht gegeben. In Brandenburg sind alle Funktions- und Amtsträger, die Kirchen und die Zivilgesellschaft sensibilisiert worden. Sie werden hier immer Leute haben, die sich Neonazis entgegenstellen. In Sachsen hingegen hat es der moralische Anstand schwerer.

Sie haben einen Tweet des Journalisten Christian Bangel geteilt, in dem von den Millionen Fortgezogenen die Rede ist, die im Westen angekommen sind. „Es liegt an uns“, ergänzten Sie. Wie meinen Sie das?

Bangel hat ohne Schaum vorm Mund beschrieben, wie es meiner Generation geht. Wir waren bei der Wende 13, 14 oder 15 und hatten alle Chancen, etwas aus unserem Leben zu machen. Wir dachten, wenn wir studieren und erfolgreich sind, dann wird die Anpassung zwischen beiden Landesteilen schon kommen. Ich verstehe Bangels Aussage nicht nur räumlich, denn ich bin im Osten geblieben, habe meine zweite Heimat in Potsdam gefunden. Für mich spiegelt diese Aussage auch die Mentalität wider: Viele andere sind einfach nicht mitgekommen. Das wird mir jetzt bewusst, wenn ich die schwer zu ertragenen Bilder aus Chemnitz sehe.

Was kann man da tun?

Wir müssen zuhören und berichten, welche Demütigungen es nach dem Mauerfall gab. Der Aufbruch in die Modernisierung funktioniert nicht ohne Graswurzelarbeit. Ich bin doch nicht umsonst rund um die Uhr unterwegs und lade Bürgerinnen und Bürger in den Bundestag ein. Ich stehe auf den Marktplätzen und höre da von den Verletzungen, über die die Leute erst jetzt reden. Viele haben die Erfahrung gemacht, dass ihre Berufsbiografie entwertet wurde. Da kein Gehör zu finden, hat viele traumatisiert.

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