Berlin "Ich bin eine Überlebende"

Fatou Mandiang Diatta alias Sister Fa spricht in einer Dorfschule im Senegal mit Kindern über das Leid von beschnittenen Mädchen.
Fatou Mandiang Diatta alias Sister Fa spricht in einer Dorfschule im Senegal mit Kindern über das Leid von beschnittenen Mädchen. © Foto: Philipp Hedemann
Berlin / PHILIPP HEDEMANN 07.03.2015
Die in Berlin lebende Rapperin Sister Fa wurde als Mädchen im Senegal beschnitten. Jetzt kämpft sie in ihrer Heimat gegen die brutale Tradition, unter der weltweit 125 Millionen Frauen und Mädchen leiden.

"Ich kann mich noch an die Schmerzen und das Blut erinnern. Meine Mutter sagte mir, dass ich nicht weinen dürfe, weil ich sonst die Familienehre beschmutze." Vor knapp 30 Jahren schnitt eine alte Frau der vierjährigen Fatou Mandiang Diatta die Klitoris ab. Ohne Betäubung. Damals presste die kleine Fatou die Lippen zusammen. Heute schweigt sie nicht mehr, heute schreit sie ihre Wut als Rapperin Sister Fa heraus.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation gibt es weltweit 125 Millionen Frauen, die Opfer von Genitalbeschneidung wurden. Nach UN-Angaben sind im Senegal ein Viertel der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren betroffen, im Süden sollen es bis zu 90 Prozent sein. Sister Fa ist jetzt in ihre Heimat zurückgekehrt, um mit Musik und Aufklärung gegen die Tradition zu kämpfen, unter der sie noch heute leidet.

"Mein Name ist Fatou. Ich bin genau wie ihr Senegalesin. Und ich bin genau wie viele von Euch beschnitten." Bei fast 40 Grad steht die Rapperin in einem Klassenzimmer in einem Dorf im Süden Senegals. Rund 70 Jungs und Mädchen hören gebannt zu, als die Frau das eigentlich Unsagbare sagt. Auch wenn weibliche Genitalverstümmelung im Senegal seit fast 16 Jahren verboten ist, ist es immer noch ein Tabu, darüber zu sprechen. Die Tradition in Frage zu stellen, ist für viele ein Verrat an der eigenen Kultur, am eigenen Glauben, an der eigenen Familie.

"Mädchen werden beschnitten, weil es im Koran steht." "Weil sie sonst keinen Mann finden können." "Weil sie sonst unrein sind und nicht treu sein können." Den Kindern fallen viele Gründe ein, warum fast alle Mädchen in der Klasse den gefährlichen Eingriff erlitten haben. Fatou Mandiang Diatta kennt diese Antworten. Mit Unterstützung der Hilfsorganisation World Vision ist die 32-Jährige bereits zum vierten Mal im Senegal auf Tour, um gegen die brutale Praxis, die immer noch in 29 Staaten Afrikas und Asiens verbreitet ist, zu kämpfen.

Die Aktivistin weiß, dass keine einzige Sure des Koran die Beschneidung fordert und dass viele krude Thesen aufgestellt wurden, um den Eingriff zu rechtfertigen. Als Mutter einer sechsjährigen Tochter weiß sie jedoch auch, dass die Beschneidungsnarben vielen Frauen während der Menstruation, beim Urinieren, beim Sex und bei der Geburt höllische Schmerzen bereiten, dass jedes Jahr tausende Mädchen beim Eingriff verbluten oder später an den Folgen sterben.

Aber die seit 2006 in Berlin lebende Musikerin ist nicht als Oberlehrerin gekommen. "Natürlich versuche ich im Gespräch mit den Kindern, diese falschen Argumente zu widerlegen. Denn fast immer geschieht der Eingriff aus Unwissenheit", sagt die Aktivistin. Sie möchte erreichen, dass die Mädchen, die ihr jetzt zuhören, ihre Töchter nicht mehr beschneiden lassen. "Da kann ich nicht mit dem moralischen Holzhammer kommen."

In einem ihrer Songs geht es um die Schmerzen, die sie als kleines Mädchen ertragen musste. Als bemitleidenswerte Betroffene sieht sie sich jedoch nicht. "Ich bin kein Opfer, ich bin eine Überlebende. Ich werde zwar mein Leben lang spüren, dass ich keine vollständige Frau bin, dass da etwas fehlt. Aber meine Musik hilft mir bei der Verarbeitung", sagt die Rapperin.

"Ich war eine berühmte Beschneiderin. In 25 Jahren habe ich sicherlich 1000 Mädchen beschnitten. Meine magische Kraft war so groß, dass mir kein einziges gestorben ist. Ich bereue nichts", sagt Sirayel Diao vor ihrer strohgedeckten Lehmhütte. Ihre Kollegin Aissatou Baldé hingegen gibt zu: "Manchmal sind die Mädchen verblutet, andere sind bei der Geburt gestorben. Das raubt mir noch heute den Schlaf." Einige Opfer landeten möglicherweise in der Gesundheitsstation von Anna Camara. "Die meisten Beschneiderinnen haben überhaupt keine Ahnung von weiblicher Anatomie und Hygiene. Weil sie oft das immer gleiche Messer verwenden, besteht auch die Gefahr, dass sie so HIV übertragen", sagt die Medizinerin.

Auch wenn die beiden Beschneiderinnen beteuern, seit Jahren kein Mädchen mehr angerührt zu haben, muss es noch Kolleginnen geben, die den mittlerweile illegalen Beruf ausüben. Zwar drohen langjährige Gefängnisstrafen, doch den Täterinnen auf die Schliche zu kommen, ist schwierig. "Hier schützt jeder jeden. Wir können nur undercover ermitteln und hoffen, dass die Menschen uns verraten, wer wann und wo beschneidet", sagt der Polizist Adama Sy.

Rahinatou ist eine der wenigen unbeschnittenen Mädchen in ihrem Dorf. "Manchmal zeigen die anderen mit dem Finger auf mich und sagen, dass ich weniger wert sei als sie. Aber ich glaube, sie sind heimlich sogar neidisch auf mich, weil ich weniger Schmerzen haben werde, wenn ich ein Kind bekomme", sagt die Zwölfjährige. Als Sister Fa am Abend ein Konzert gibt, steht Rahinatou etwas abseits. "Ob beschnitten oder nicht: Musik finden wir alle gut. Die Leute hören zu, was Sister Fa zu sagen hat. Vielleicht macht das mein Leben hier etwas einfacher."

Weltfrauentag

Appell UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat anlässlich des Weltfrauentages an diesem Sonntag das Ende von geschlechtsspezifischer Gewalt gefordert. Von Nigeria, Somalia über Syrien bis in den Irak würden weibliche Körper aufgrund ihrer Ethnie oder Religion zum "strategischen Schlachtfeld" gemacht, erklärte Ban. Menschenrechtsvereine und Hilfsorganisationen fordern, den Schutz von Mädchen und Frauen stärker in den Fokus politischer Entscheidungen zu stellen.

 

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