Interview „Freie Entscheidung für eine Staatsangehörigkeit keine Zumutung“

Bremer Integrationsexperte Stefan Luft.
Bremer Integrationsexperte Stefan Luft. © Foto: privat
Berlin / Michael Gabel 15.05.2018
Nach dem Fall Özil und Gündogan: Der Bremer Integrationsexperte Stefan Luft plädiert für ein Ende des Doppelpasses

Herr Luft, die deutschen WM-Fußballer Özil und Gündogan bezeichnen Erdogan als „ihren Präsidenten“. Wie groß ist der Schaden, der durch solche Aktionen für die Integration von jungen türkischstämmigen Menschen entsteht?

Der Auftritt ist für die Integrationsbemühungen sicherlich nicht förderlich. Die Hinwendung zur Gesellschaft und auch zum politischen System, in dem man lebt, hat für die Integration eine große Bedeutung. Deshalb wird auch mit einer gewissen Berechtigung ein Maß an Identifikation erwartet. Die ist aber bei der türkischstämmigen Gruppe, die hier in Deutschland lebt, eher schwach ausgeprägt. Laut einer aktuellen Studie verbinden mehr als vier Fünftel von ihnen mit dem Begriff Heimat stark oder sehr stark die Türkei. Das Verhalten von Özil und Gündogan spricht für diese Haltung. Aber es gibt eine Reihe weiterer Aspekte, die die Identifikation mit dem Land, in dem man lebt, beeinflussen.

Welche wären das?

Zum einen sind die Chancen, die man in einem Land bekommt, wichtig für das positive Verhältnis, das man gewinnt. Dazu gehört auch ein gewisses Maß an Anerkennung durch die Gesellschaft. Und junge Menschen müssen spüren, dass sie Aufstiegsmöglichkeiten haben im Vergleich zum Leben ihrer Eltern und Großeltern.

Sehen Sie da in Deutschland Defizite?

Es liegt zum Teil auch an der türkischstämmigen Gruppe selbst, dass sich das Verhältnis nicht bessert. Zwar haben Untersuchungen ergeben, dass sich die Integration der Gruppe in den Arbeitsmarkt und ins Bildungswesen verbessert hat. Aber das geht langsamer als bei anderen Einwanderergruppen.

Woran liegt das?

Sicherlich auch daran, dass wir mit der Türkei einen Staat haben, der sich als Patronage-Staat versteht und Einfluss auf seine hier lebenden Landsleute und deren Nachkommen behalten will. Die deutsche Politik kann aber kein Interesse daran haben, dass dies Erfolg hat.

Und warum tut sich die zweite und dritte Einwanderergeneration immer noch so schwer?

Es liegt an den Lebensumständen vieler türkischer Einwandererfamilien. Sie leben sehr stark unter sich in Stadtteilen und ethnischen Gemeinden und orientieren sich vergleichsweise stark auf die eigene Gruppe. Das wirkt auch auf die zweite und dritte Generation.

Ist die doppelte Staatsbürgerschaft ein Hindernis zu mehr Integration oder hilft sie dabei?

Ich meine, der deutsche Staat sollte auf einer freien Entscheidung für eine Staatsangehörigkeit bestehen. Das ist keine Zumutung. Untersuchungen haben gezeigt, dass bei der bis 2014 geltenden Pflicht, sich zu entscheiden, am Ende etwa 90 Prozent der Türkischstämmigen für die deutsche Staatsbürgerschaft votiert haben. Es war ein Fehler von dem Verfahren abzurücken.

Die CDU favorisiert den Generationenschnitt, das heißt, dass Kinder von Einwanderern sich ihre Staatsbürgerschaft im Erwachsenenalter aussuchen dürfen, Enkel aber nicht mehr. Wäre das ein guter Kompromiss?

Ja. Denn ich meine, dass sich in Einwandererfamilien über Generationen hinweg irgendwann der Bezug zum Herkunftsland der Eltern und Großeltern verliert. Ich sehe keinen Grund, warum man über eine unendlich fortgereichte doppelte Staatsangehörigkeit die Identifikation mit dem Herkunftsland der Vorfahren immer weiter fortschreiben soll.

Özil und Gündogan besitzen die doppelte Staatsbürgerschaft. Fühlen Sie sich durch den Auftritt mit Erdogan in Ihrer Kritik am Doppelpass bestärkt?

Man sollte das Problem nicht an Einzelfällen festmachen. Aber der Fall weist darauf hin, dass die Staatsangehörigkeitspolitik, wie wir sie seit Jahren betreiben, offensichtlich nicht die Identifikation mit Deutschland fördert.

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