Interview „Europa muss das Spiel mitspielen“

Der Politologe Jan Techau.
Der Politologe Jan Techau. © Foto: German Marschall Fund
Berlin / Ellen Hasenkamp 10.08.2018

Europa muss sich zwischen den USA und China entscheiden, sagt Jan Techau, Politikwissenschaftler der Stiftung German Marshall Fund of the United States.

Europa will unabhängiger werden von Amerika. Aber kann Amerika ohne Europa?

Jan Techau: Eigentlich nicht. Aber das hängt von einer entscheidenden Frage ab: Möchte Amerika globale Ordnungsmacht bleiben? Wenn ja, dann muss es eine glaubwürdige Sicherheitsgarantie für Europa bieten. Trump sieht das allerdings anders; er glaubt an die Größe Amerikas auch ohne Allianzen.

Aber die einstige strategische Bedeutung hat Europa doch verloren?

Heute ist Asien der zentrale Markt für die Ordnungsfragen der Welt. Die Europäer wandern auf der Prioritätenliste nach unten. Dennoch: Sie sind der wichtigste Handelspartner für die Amerikaner, und die besten Alliierten. Und auch Russlands Rolle definiert sich in Europa.

Was können die Europäer tun?

Zwei Dinge: Die USA haben China als den großen Rivalen ausgemacht und die Europäer müssen sich in den bevorstehenden Konflikten entscheiden, auf welcher Seite sie  stehen wollen. Bei der alten Schutzmacht USA oder beim aufstrebenden, aber etwas unheimlichen China. Das ist ein Dilemma. Als Handelsgroßmacht wären wir für die Amerikaner durchaus ein attraktiver globaler Partner gegenüber China. Zweitens müssen die Europäer in der eigenen Nachbarschaft selbst zur Ordnungsmacht werden – und sich um Konflikte wie in der Ukraine, auf dem Balkan, in Nordafrika oder womöglich der Arktis selber kümmern. Das entlastet die Amerikaner und erhöht unseren Einfluss. Aber das fordert mehr Einsatz – auch von Deutschland.

Was ist mit Russland?

Putins wichtigste Ziele lauten: Machterhalt – auch, um aus einer Position der Stärke heraus eine Machtübergabe verhandeln zu können – und Schutz gegen die behauptete westliche Einkreisung. Das ist die russische Urangst. Putin will Russland als Modell gegen den angelsächsisch-geprägten Westen positionieren. Das verfängt ja sogar bei bestimmten Konservativen oder Linken – auch in Deutschland.

Was bedeutet das für Putin?

Er versucht, einen Keil zu treiben sowohl zwischen die Europäer als auch zwischen die USA und die Europäer. Politik als Nullsummenspiel: Wenn unser Gegner schwach ist, ist das gut für uns. Und wir im Westen sind gezwungen, darauf zu reagieren, das Spiel mitzuspielen. Das ist die Tragik.

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