"Eingleisige Strecken sind nicht gefährlicher"

Karl-Peter Naumann war von 1996 bis 2012 Vorsitzender bei Pro Bahn.
Karl-Peter Naumann war von 1996 bis 2012 Vorsitzender bei Pro Bahn. © Foto: pro bahn
TILL ECKERT 10.02.2016
Die Bahn bleibt sicherer als die Straße, sagt Karl-Peter Naumann, Sicherheitsexperte beim Fahrgastverband Pro Bahn, nach dem schweren Unglück.

Herr Naumann, kann ein Zugführer einen entgegenkommenden Zug nicht frühzeitig erkennen?

KARL-PETER NAUMANN: Ein Zugführer hat eine kurze Sichtspanne. Und gerade beim Unglücksort in Bad Aibling, dem Bereich der Kurve, kann er einen entgegenkommenden Zug nicht erkennen. Man fährt bei der Bahn, anders als bei der U-Bahn, auch nicht auf Sicht, sondern anhand von Signalen, Gleis- und Zugmagneten. Es kann zum Beispiel nur dann gefahren werden, wenn das Signal grün ist, ansonsten blockiert der Zug. Im Prinzip ein sicheres System - eine Störung in diesem Bereich ist aber ein mögliches Szenario.

Also ist die Ursache für das Unglück bei der Technik zu suchen?

NAUMANN: Ein technischer Defekt ist nicht auszuschließen. Es kann auch sein, der Lokführer glaubte bei einer Durchsage fälschlicherweise zu hören, dass die Strecke frei sei, und umging durch Knopfdruck eine Zwangsbremsung. Die Magnetsicherungen können, wenn Bauarbeiten auf der Strecke anstehen, auch kurzzeitig ausgeschaltet werden. Das sind aber alles nur Spekulationen.

Sind eingleisige Strecken gefährlicher als zweigleisige?

NAUMANN: Nein. Das Horrorszenario bei der eingleisigen Strecke ist eben der Frontalzusammenstoß. Es könnte aber ebenso sein, dass auf einer zweigleisigen Strecke ein Zug ungebremst von hinten auf einen anderen auffährt. Die Chance, dass so etwas passiert, ist gleich hoch.

Es gibt doch sicher eine Art Kollisionswarnung oder jemanden, der die Strecke überwacht?

NAUMANN: Es gibt die lokalen Stellwerke, die Weichen und Signale an den Zugführer steuern und so für Sicherheit sorgen. Aus der Vergangenheit wissen wir, dass man auch hier etwas übersehen kann und Signale falsch gestellt werden können.

In sozialen Netzwerken sprechen Nutzer davon, der vermehrte Einsatz von Elektronik im Bahnverkehr gefährde die Sicherheit. Ist da etwas dran?

NAUMANN: Das kann man pauschal nicht sagen. Es ist sicher richtig, dass die Technik stärker kontrolliert werden muss. Andererseits hat sich in den vergangenen Jahren die Sicherheit enorm erhöht. Früher waren solche Einzelfälle auf menschliches Versagen zurückzuführen, heute auf technisches. Dennoch: Auch wenn es bei dem Unglück nun Tote gab - der Bahnverkehr bleibt sicherer als der Straßenverkehr, bei dem jährlich sehr viele Menschen ums Leben kommen.