"Ich war ein sehr lustiges und fröhliches Kind", erinnert sich Udo Kaiser an seine frühen Lebensjahre. Das endete abrupt, als der Münchner 1956 in den weltberühmten Chor und das dazugehörige Internat der Regensburger Domspatzen aufgenommen wurde. Mehr als ein halbes Jahrhundert ist das her, Kaiser ist heute 68 Jahre alt und pensioniert, und doch sagt er mit einer großen Wut und Schärfe: "Das war eine mittelalterliche Hölle."

Vor sechs Jahren gelangten die Fälle von Gewalt und sexuellem Missbrauch in Schulen an die Öffentlichkeit, ausgehend vom Berliner Canisius-Kolleg, einem privaten katholischen Gymnasium. Bei den Domspatzen, zwischen Betroffenen und Bistumsleitung, herrscht weiter ein giftiges Klima. Aufarbeitung, Wiedergutmachung, Entschädigung? Nichts davon wurde bisher geleistet. Derzeit arbeitet Sonderermittler Ulrich Weber, ein Anwalt aus Regensburg, an einer Untersuchung der Geschehnisse. Seine Zwischenbilanz: Es gibt mehr als drei Mal so viele Opfer wie angenommen. 72 Fälle wurden bisher anerkannt, ihm liegen bisher 231 neuere Meldungen vor, täglich kommen weitere hinzu, allein 60 in den vergangenen zwei Wochen. Von 1945 bis 1992, so seine Schätzung, wurden 30 Prozent der Schüler Opfer von Gewalt oder Missbrauch.

Udo Kaisers Großvater wollte seinem Enkel etwas Gutes tun, als er mit ihm zum Vorsingen ging. Tatsächlich boten die Domspatzen ihm einen Platz an. Fünf Jahre war Kaiser im Chor, in der Vorschule und auf dem Gymnasium. "In der Frühmesse bin ich geschlagen worden, weil ich das Buch verkehrt herum getragen habe." Machte er in der Zweierreihe einen falschen Schritt, wurde er an den Beichtstuhl geschlagen. In seinem Zeugnis stand: "Udo kann nicht gehen."

Lachten die Kinder oder hüpften, "dann hagelte es Watschn". Er wurde an den Haaren durch den Gang geschleift oder so sehr am Ohrläppchen gezogen, dass es einriss. Kaiser erzählt von Klavierdeckeln, die auf seine Hände fallengelassen wurden oder von Schlägen mit dem Geigenbogen. "Das war alles ganz normal." Bettnässer wurden gedemütigt, sie mussten Hose und Laken vor 80 Kindern waschen.

Und Udo Kaiser hat jenes Bild des sexuellen Missbrauchs noch vor Augen und auch sein damaliges Gefühl der Ohnmacht: Ein Präfekt ließ ihn die Hose runterziehen, den Kopf musste er zwischen die Oberschenkel stecken. "Er hat mich verprügelt, während ich sein nacktes erigiertes Glied am Hinterkopf spürte." Bis heute hat das Bistum dieses Geschehen nicht als sexuellen Missbrauch anerkannt.

Nach fünf Jahren holte ihn sein Vater weg von den Domspatzen. Seine Leistungen waren immer schlechter geworden, er verweigerte die Schule. "Mit den Plattenaufnahmen, den vielen Konzerten und den Reisen wurde uns alles aus dem Leib gepresst", sagt Kaiser.

Doch die Geschehnisse verfolgten ihn. In München studierte er Musik, er heiratete, bekam eine Tochter. Immer wieder ging er auch zu den Domspatzen - um zu musizieren, sich mit früheren Mitschülern zu treffen. "Ich hatte das alles völlig verdrängt", sagt er. Bis ihm, 30 Jahre war er da alt, bei einer Probe die Stimme wegblieb. Er bekam kaum mehr Luft, sackte zusammen, wurde ohnmächtig. Als er wieder aufwachte, wurde ihm klar, was er im Keller seiner Seele weggesperrt hatte. Und was sich auf Dauer nicht wegsperren ließ.

Udo Kaiser arbeitete als Schulmusiker und Musiktherapeut. Bei Treffen mit anderen ehemaligen Domspatzen redete er immer wieder von den Geschehnissen. "Doch das wurde alles abgetan und abgestritten." Er wurde als Nestbeschmutzer hingestellt, als Lügner. Selbst seine beiden Brüder, ebenfalls Domspatzen, ächteten ihn.

Als der Missbrauch 2009 erstmals öffentlich wurde, stürzte er in eine schwere Depression, wurde arbeitsunfähig und frühpensioniert. Ein Freund sagte: "Udo, Du bist sehr krank." Er fand eine Therapeutin, "die mir das Leben zurückgebracht hat". In einer Gruppe mit anderen Betroffenen prangerte er die Domspatzen an. Kaiser suchte Kontakt zum Bistum, redete mit der damaligen, mittlerweile verstorbenen, Missbrauchs-Beauftragten Birgit Böhm. "Es war ein sehr gutes Gespräch, endlich hörte mir jemand zu." Doch danach geschah weiter jahrelang nichts. Er erhielt wie andere Opfer auch eine Anerkennungsleistung: pauschal 2500 Euro.

Während sich die alternative Odenwaldschule, an der massiver Missbrauch geschehen war, aufgelöst hat und im oberbayerischen Kloster Ettal tiefe Schuld eingestanden wurde und es zu einer Verständigung kam, sind in Regensburg die Fronten weiter verhärtet. Am 1. Februar soll ein Kuratorium aus Opfer- und Kirchenvertretern besprechen, wie es weitergehen könnte.