Herr Schneider, Ihr Film "Verfehlung" dreht sich um einen Missbrauchsfall in der katholischen Kirche. War der Umgang der Kirche mit dem Thema ein Motiv für den Film?

GERD SCHNEIDER: Es war eigentlich das Motiv. Missbrauch ist kein rein katholisches Phänomen, das passiert in Familien und Internaten eher häufiger. Aber die katholische Kirche hat mit ihrem Anspruch eine Verpflichtung, mit solchen Fällen anders umzugehen. Da hat sie über lange Zeit sträflich versagt. Da ist eine Menge an Angst spürbar und an Unvermögen, manchmal Unwillen, sich angemessen auseinanderzusetzen. Das war mein ursprünglicher Aufhänger: Es ist kein Film über Missbrauch, sondern über den Umgang mit Missbrauch.

Wo sehen Sie die größten Defizite in der Aufarbeitung?

SCHNEIDER: Vor allem in der Neigung der Kirche, sich nicht in die Karten gucken zu lassen, alles intern zu regeln. Viele Fälle, die kirchlichen Stellen gemeldet wurden, reichte man nur intern weiter. Die Strafverfolgungsbehörden wurden selten informiert, um keinen Wirbel zu machen. Oft wurden die Vorfälle dann unter den Teppich gekehrt.

Ging es da nur darum, die eigene Weste nicht zu beschmutzen?

SCHNEIDER: Es hat auch mit dem Thema Sexualität zu tun. Das ist ein hochsensibles Thema für die katholische Kirche. Sie müsste ihre Sexualmoral sehr stark überdenken in vielerlei Hinsicht - auch Umgang mit Homosexuellen, geschieden Wiederverheirateten. . . das ist jetzt mit Papst Franziskus zum Glück wieder alles auf der Tagesordnung.

Ist der Zölibat vor diesem Hintergrund noch vertretbar?

SCHNEIDER: Der Zölibat kann keinerlei Rechtfertigung für Missbrauch sein, allenfalls ein begünstigender Umstand. Aber auch die Aufbereitung von Missbrauch ist sehr schwierig für Menschen, die gezwungenermaßen qua Amt ehelos und enthaltsam leben sollen. Das ist ein wunder Punkt, weil sich viele Betroffene einfach nicht mit ihrer Leiblichkeit auseinandersetzen. Das ist fatal, weil die Sexualität der stärkste Trieb ist, den wir haben.

Sie haben die Arbeit an dem Film bereits begonnen, ehe Missbrauch zum großen öffentlichen Thema wurde?

SCHNEIDER: Es brannte mir auf der Seele und ich war sicher, dass es auch in Deutschland über kurz oder lang in den Vordergrund rücken würde. Es gab um die Jahrtausendwende schon massive Fälle und auch Vertuschungsversuche etwa in den USA, besonders im Erzbistum Boston. Dort ist Kardinal Law deshalb bereits 2002 zurückgetreten. Als Pater Mertes 2010 den offenen Brief zum Canisius-Kolleg geschrieben hat, gab es schon das Drehbuch zu meinem Film.

Wie hat die jahrelange Beschäftigung Ihren Glauben und die Haltung zur Kirche beeinflusst?

SCHNEIDER: Ich bleibe ein gläubiger Mensch und setze mich täglich mit dem Glauben auseinander. Bezüglich der Kirche sehe ich viele Dinge noch kritischer, als ich sie ohnehin gesehen habe. Aber mir liegt trotzdem an dieser Institution. Sie ist wichtig, sie gibt vielen Menschen Halt und erfüllt eine große gesellschaftliche Aufgabe. Deswegen ärgert mich die verfehlte Reaktion auf das Thema Missbrauch so kolossal. Über das Vorgehen müsste doch eigentlich garnicht diskutiert werden. Trotzdem tut sich an der Stelle ein Riesenloch auf und alle gucken betreten weg. Dieses Versagen erzeugt regelrechte Wut in mir.

Was erwarten Sie von der Kommission, die der Bundestag jetzt zur Aufarbeitung einsetzen wird?

SCHNEIDER: Inzwischen gibt es vermutlich fast 150 Missbrauchsbeauftragte in Deutschland. . .  Es wird langsam aktionistisch. Es ist gut, wenn eine Kommission die Dinge nochmal genau von außen aufklärt. Wichtig ist aber, dass die Auseinandersetzung damit Folgen hat. Es darf nicht nur um Aufklärung gehen, sondern auch darum, zu erkennen, was wo und warum schiefgelaufen ist. Da muss man mit Prävention ansetzen. Man muss gesellschaftlich den Sinn dafür schärfen, bei Übergriffen frühzeitig einzugreifen und nicht wegzusehen.

Zur Person vom 31. März 2015

Gerd Schneider (geb. 1974) studierte katholische Theologie an den Universitäten in Bonn und Wien und bereitete sich in Praktika auf das Priesteramt vor. Nach dem Diplom änderte er seine Meinung und begann ein Regiestudium an der Filmakademie Baden-Württemberg. Für seinen Abschlussfilm "The Edge of Hope" wurde er mehrfach ausgezeichnet. Sein Spielfilmdebüt "Verfehlung" läuft jetzt im Kino.