Interview „Die Verachtung beschämt mich“

Wolfgang Thierse: Das Denkmal wird respektiert werden.
Wolfgang Thierse: Das Denkmal wird respektiert werden. © Foto: Paul Zinken/dpa
Berlin / André Bochow 21.07.2018

„Mich beschämt die Geringschätzung, ja Verachtung der friedlichen Revolution“

Einer der glühendsten Befürworter des Freiheits-und Einheitsdenkmals ist der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Er will das Denkmal, wie geplant, vor dem Berliner Schloss. André Bochow sprach mit dem prominenten Sozialdemokraten.

Herr Thierse, warum hat es das Freiheits-und Einheitsdenkmal so schwer?

Offenbar gibt es eine gewisse deutsche Unfähigkeit, glückliche Ereignisse der eigenen Geschichte angemessen zu würdigen und zu feiern.

Vielleicht gibt es gar nicht so viele positive Momente in unserer Geschichte.

Nein. Es sind nicht viele. Die deutschen Revolutionen helfen auch nur bedingt weiter. Trotzdem ist es wichtig, dass wir uns daran erinnern, mit welchen Hoffnungen und Zielen die Revolutionäre von 1848 oder 1918 in ihre Kämpfe zogen und wie sie scheiterten. Die friedliche Revolution von 1989 und die Wiedervereinigung sind nun aber etwas rundum Positives. Und daran soll angemessen erinnert werden. In der Mitte der deutschen Hauptstadt.

Auf dem Denkmal soll die Aufschrift – „Wir sind das Volk, wir sind ein Volk“ stehen - das erinnert mittlerweile nicht nur an 1989, sondern auch an Pegida. Sollte die Aufschrift überdacht werden?

Wir werden uns doch von Pegida so etwas Kostbares aus der friedlichen Revolution nicht wegnehmen lassen! Wo kämen wir da hin? Was Pegida betreibt, ist Missbrauch. Mit den Worten, die dazu beigetragen haben, Grenzen einzureißen, sollen nun neue errichtet werden. Dem dürfen wir uns nicht beugen.

Manchen gefällt die Verbindung von Freiheit und Einheit nicht bei dem geplanten Denkmal. Sie halten dies zumindest für missverständlich – für einen Rückgriff auf das 19. Jahrhundert.

Das Argument überzeugt mich nicht. Zum ersten Mal ist es 1989 gelungen, dass Freiheit und Einheit kein Gegensatz wurden. Die Vereinigung von 1871 war nicht mit Emanzipation, mit Freiheit verbunden. Was 1989 geschaffen wurde, hatte es zuvor in der deutschen Geschichte noch nie gegeben. Mit Ausnahme der kurzen und widersprüchlichen Phase der Weimarer Republik.

Spiegelt die Diskussion über das Denkmal auch die Zerrissenheit unserer Gesellschaft wider?

Mich beschämt die in den Ablehnungen des Denkmals sich mitartikulierende Geringschätzung, ja Verachtung der friedlichen Revolution. Es macht mich auch traurig.

Sie haben von der Arroganz der Westdeutschen gegenüber den Ostdeutschen gesprochen. Ist das nicht eine Überhöhung einer vielleicht nur ästhetischen Debatte?

Ich habe gesagt, dass mir das bei manchen Argumenten so vorkam. Dazu gehört auch der Hinweis auf das Brandenburger Tor. Nach dem Motto: Wie, ihr wollt ein Denkmal. Ihr habt doch schon eines. Dass es nichts mit der friedlichen Revolution zu tun hat, ist unerheblich. Das ist verletzend.

Auch das Holocaust-Denkmal war umstritten und ist nun ein Magnet in Berlin.

Und alle Einwände die es gegeben hat, sind heute nichtig. Das Denkmal ist hoch respektiert. Und ich bin überzeugt davon, dass das mit dem Denkmal „Bürger in Bewegung“ neben dem Humboldt-Forum auch so sein wird.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel