Interview „Die politischen Strukturen bleiben“

Sabine Thillaye: Eine Person kann nichts ausrichten.
Sabine Thillaye: Eine Person kann nichts ausrichten. © Foto: Jacques Demarthon/afp
Paris / Stefan Kegel 04.09.2018

Wie Sammlungsbewegungen die politische Landschaft umkrempeln können, hat Sabine Thillaye hautnah miterlebt. Sie sitzt als Mitglied von En Marche im französischen Parlament.

Frau Thillaye, Sie stehen dem Europaausschuss vor. Was hat Sie bewogen, En Marche beizutreten?

Sabine Thillaye: En Marche hat mein deutsch-französisches Herz angesprochen. Gerade in Deutschland haben wir seit dem Zweiten Weltkrieg immer Koalitionsregierungen gehabt, also verschiedene Parteien, die zueinander gefunden haben. In Frankreich hat Politik immer im Rahmen eines Zwei-Parteien-Systems stattgefunden. Viele Fragen wurden ideologisch aufgeladen. Ich fand es befreiend zu sagen: Wir lassen ideologische Grabenkämpfe hinter uns und schauen, wie wir Frankreich reformieren können. Das ist in gewisser Weise ein Abenteuer.

Wäre eine linke Sammlungsbewegung eine Konkurrenz?

Ein gemeinsames Bündnis aus linken und rechten Kräften ist in Frankreich noch nie probiert worden, während es linke und rechte Sammelbewegungen durchaus gegeben hat. Ich wäre ohne diesen parteiübergreifenden Ansatz nie politisch aktiv geworden. Die ersten Schritte habe ich 2014 mit der kleinen Bewegung „Nous Citoyens“ gemacht, „Wir Bürger“. Auch damals war schon das Ziel, die Spaltung zwischen Rechts und Links zu überwinden. En Marche hat mir dann den Mut gegeben weiterzumachen.

Wie wichtig ist die Führungsfigur?

Eine Person allein kann nichts ausrichten, weder in der Familie noch in einem Unternehmen noch in der Politik. Man braucht immer jemanden, der ein Motor ist. Dieser Motor braucht aber auch Benzin und Leute, die in seinem Auto mitfahren. Emmanuel Macron hat es geschafft, der Sache Schwung zu geben – und die Hoffnung, dass solch ein Vorhaben funktionieren kann.

Wie widersteht man der Gefahr, seine Ideale aufzugeben, indem man sich in das System einfügt?

Man muss sich für etwas einsetzen, aber man darf auch nicht zu viele Illusionen haben. Das politische Alltagsgeschäft ist schwierig. Die politischen Strukturen sind ja nicht verschwunden, nur weil En Marche seit einem Jahr dabei ist. Das ist tägliche harte Kleinarbeit. Man muss sich persönlich immer wieder die Frage stellen: Wofür habe ich mich eigentlich engagiert? Wo liegen meine Schwerpunkte? Das sollten allerdings nicht nur Mitglieder einer Sammlungsbewegung tun, sondern auch die aller anderen politischen Parteien.

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