Vom "guten Auskommen und vernünftigen Miteinander" spricht Martin Piott, Bürgermeister von Fichtenau im Kreis Schwäbisch Hall, wenn er die heutige Situation der Jenischen in seiner Gemeinde mit 4500 Einwohnern betrachtet. Doch in der Hitler-Ära waren die fahrenden Händler und Handwerker zuerst massiven Schikanen unterworfen, dann setzten die "Rassehygieniker" sie auf die Liste der "Asozialen", nannten sie "nach Zigeunerart umherziehende Personen", steckten sie in Konzentrationslager, töteten sie. "Stigmatisieren, entrechten, verfolgen, ermorden", zählte Landtagspräsident Guido Wolf (CDU) auf.

Die Jenischen und ihr Schicksal dürften nicht marginalisiert werden, betonte Wolf bei der zentralen Gedenkveranstaltung des Landes für die Opfer des Nationalsozialismus: "Denn wer erlittenes Unrecht gering achtet oder gar vergisst, stellt sich auf die Seite der Täter."

In Fichtenau leben rund 50 Familien mit jenischem Stammbaum. Sie seien heute derart gut integriert, dass die Gemeinde kurz vor der bayerischen Grenze ein Vorbild sei, erklärte Timo Adam Wagner vom Jenischen Bund in Deutschland mit etwa 4000 Mitgliedern. Sie hätten ihren Platz gefunden, könnten sich in der Gemeinde einbringen. Die ersten dieser Siedler wurden nach dem Dreißigjährigen Krieg von den örtlichen Herrschaften geholt, weil der Landstrich ziemlich entvölkert war. Sie bekamen zwar ein Bleiberecht, aber ihnen wurde außer einem kleinen Grundstück für ein winziges Häuschen kein Besitz zugestanden. Also zogen sie als Händler durch die Lande, auch als Schausteller, deren Gewerbe bis heute mit dem Slogan "Die weite Welt ist mein Feld" wirbt. Der Bürgermeister lobt heute ihre "weltoffene Mentalität", aber nach 1933 war dieser Lebensstil im anscheinend wohlgeordneten Deutschland unerwünscht.

"Die Jenischen sind durch das abartige Raster des NS-Staates gefallen und in die Fänge des braunen Verfolgungs- und Vernichtungsapparates geraten", fasste Guido Wolf es zusammen. Sie seien als "besonders minderwertig gebrandmarkt" worden von jenen, die "Herrenmenschentum statt Menschenrechte" zur Maxime des Staates gemacht hätten. Der "barbarische Wahn" habe direkt zu den Menschheitsverbrechen geführt, "für die Auschwitz zum Inbegriff geworden ist".

Aus der heutigen Gemeinde Fichtenau, die 1972 durch die Kommunalreform entstanden ist, wurden fünf Jenische im KZ umgebracht. An sie erinnert seit gestern ein Gedenkstein im Ortsteil Unterdeufstetten, fest eingefügt in die Mauer des Friedhofs. Vor allem die jungen Menschen sollten davon berührt werden, weil sich "so etwas nicht wiederholen darf", hofft der Landtagspräsident.

Der Völkermord der Nazis sei "kein Betriebsunfall" gewesen, mahnte Guido Wolf, "sondern eine Folge des Preisgebens der Demokratie". Damals sei die Menschenwürde antastbar gewesen, "das kann sich wiederholen - auch heute noch". Daher gelte es, "die diabolische Macht der Vorurteile zu brechen", sie sei nicht untergegangen mit der Kapitulation am 8. Mai 1945. Der Schritt zu Ausgrenzung und Diskriminierung sei auch in der Gegenwart noch "gefährlich klein". Und, fügte Wolf hinzu, "Gegenwart sind wir alle". Vielfalt sei "keine Last, sondern eine Chance".

Die Geschichte der Jenischen weist noch immer viele Lücken auf. Ein "aufwendiges und gut finanziertes Forschungsprojekt" sei notwendig, forderte der Historiker Thomas Huonker aus Zürich. Die Verzögerung und Zurückhaltung bei der Aufarbeitung sieht er an als Folge der "außenseiterhaften, zu wenig respektierten Lebensweise". Wie viele Opfer in der NS-Diktatur umgebracht oder zwangssterilisiert wurden, könne man nur schätzen, bestätigte Timo Adam Wagner. Fast jede zweite Familie habe Opfer zu beklagen gehabt, "meist sogar mehrere". Von "rassehygienischen Maßnahmen" seien ganze Dörfer betroffen gewesen, sagte Wagner.

Die Jenischen stellte Historiker Huonker vor als "eine transnationale europäische Minderheit, deren Wurzeln bis ins Mittelalter und möglicherweise noch weiter zurückreichen". Ihre Verfolgung sei gleichfalls jahrhundertealt, wie schon entsprechende Schriften aus dem 15. Jahrhundert belegen. Sie seien "als Gauner negativ etikettiert" worden. Verheerend dabei sei, "dass eine ganze Volksgruppe kriminalisiert worden ist". Schon lange vor der Nazi-Verfolgung sei damit der Boden bereitet worden "für eine eliminatorische Politik", also für die Ausrottung.

Hitler und seine Vollstrecker haben ihr Ziel nicht erreicht, wie in Fichtenau gestern auf eindrucksvolle Weise belegt wurde. Bei der Gedenkfeier im Ortsteil Matzenbach trugen Laura Waizenhöfer und Natalie Reinhardt Gedichte in jenischer Sprache vor, die ein sehr eigenwilliges Vokabular hat. Unter ihresgleichen dürften sie gelten als "tschuggare tschaile", hübsche Mädchen.