Herr Professor Arzheimer, laut einer Studie der TU Dresden treibt die Pegida-Anhänger vor allem die Wut auf die politische Elite auf die Straße. Wundert Sie das?

KAI ARZHEIMER: Ehrlich gesagt ja. Ich bin ein wenig erstaunt, dass diese Protestbewegung so wenig mit Anti-Islam zu tun haben soll. Und ich frage mich, ob das nicht nur eine Schutzbehauptung der Befragten ist, die lieber gegen Politiker wettern, als zuzugeben, dass sie durchaus fremdenfeindliche Motive haben.

Die meisten Pegida-Anhänger sagen, sie fühlen sich keiner Partei verbunden. Sind alle Nichtwähler unzufrieden mit der Politik?

ARZHEIMER: Nein, das trifft nur auf einen Teil von ihnen zu. Viele Nichtwähler sind schlichtweg nicht interessiert an Politik. Andere wiederum sind leidlich zufrieden mit dem Ist-Zustand und sehen deshalb keinen Grund, wählen zu gehen. Hier konkrete, aufschlussreiche Zahlen zu nennen, ist äußerst schwierig, weil Nichtwähler meist auch nicht gerne an entsprechenden Umfragen teilnehmen.

Nach den jüngsten Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen gab es erneut großes Wehklagen über die hohe Zahl an Nichtwählern. Täuscht es oder findet die Politik keine Antwort darauf?

ARZHEIMER: Nein, dieser Eindruck täuscht nicht. Die Vorschläge, die aus dem politischen Raum kommen, konzentrieren sich fast nur auf Verfahrensfragen. Immer wieder gerne ins Spiel gebracht werden eine Erleichterung der Briefwahl, die Abstimmung per Internet, die wegen der Sicherheitsprobleme hoch umstritten ist, oder eine Ausweitung der Wahlzeit auf mehrere Tage oder verschiedene Wahlorte.

Zuletzt hat SPD-Generalsekretärin Fahimi Wahlkabinen in Supermärkten vorgeschlagen.

ARZHEIMER: Ich vermute, dass all das nicht viel bringt. Denn Wahlenthaltung hat auch viel mit einer gewissen Entfremdung, mit schwindender Bindung zu tun - an Wohnorte, an Institutionen wie Kirchen, Gewerkschaften und Parteien. Was hingegen weiterhin zunimmt, sind andere Formen politischen Agierens wie dieser Tage beispielsweise die gut besuchten Anti-Pegida-Demonstrationen. Auch die Mitarbeit in Bürgerinitiativen erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Das zeigt, dass sich viele Bürger lieber in einzelnen Projekten engagieren.

Die Grünen schlagen vor, das Wahlalter generell auf 16 Jahre zu senken und erhoffen sich davon eine höhere Wahlbeteiligung.

ARZHEIMER: Das Gegenteil würde der Fall sein. Jüngere Menschen gehen seltener wählen als ältere, die Wahlbeteiligung ginge also noch zurück. Wollte man das verhindern, müsste man parallel mehr in die politische Bildung der unter 18-Jährigen investieren. Ähnlich verhält es sich mit der Forderung nach mehr direkter Demokratie. Das Beispiel Schweiz zeigt: Je öfter wichtige politische Themen in einen Volksentscheid gehen, desto geringer ist die Beteiligung bei Parlamentswahlen.

Bleibt die Frage: Was können Politiker selbst dazu beitragen, Politikverdrossenheit zu verringern?

ARZHEIMER: Ich beschäftige mich seit 15 Jahren mit dem Thema und sehe kaum noch Chancen für die Politik, hier gegenzusteuern. Alle Parteien haben ihre Versuche verstärkt, ihre Inhalte gut darzustellen, mit dem Bürger in Kontakt zu kommen und gezielte Angebote für neue Mitglieder zu machen. Die Wahlbeteiligung hat das nicht erhöht.

Werden Politiker mit besonders strengen Maßstäben gemessen?

ARZHEIMER: Die Bevölkerung regiert zumindest sehr sensibel. Ein Beispiel ist der schnelle Wechsel von Politikern in die Wirtschaft, der extrem verpönt ist. Jeder einzelne Fall ist dazu geeignet, ein negatives Urteil über Politiker zu bekräftigen. Insofern lässt sich sagen: Jedem Politiker muss heute mehr denn je bewusst sein, dass nicht nur sein politisches, sondern auch sein moralisches Handeln Politikverdrossenheit abbauen oder verstärken kann.