Stalingrad / STEFAN SCHOLL  Uhr
Die Rotarmisten haben in Stalingrad "heldenhaft" gekämpft, sagt der deutsche Historiker und Stalingrad-Experte Jochen Hellbeck. Auch hat die Wehrmacht den Gegner damals völlig unterschätzt.

Wofür haben die Russen bei Stalingrad gekämpft?

JOCHEN HELLBECK: Zu Kriegsbeginn waren die Deutschen in der Ukraine und Weißrussland teilweise als Befreier vom Bolschewismus begrüßt worden. Aber die Nazis hatten mit ihrer Besatzungspolitik schnell deutlich gemacht, was deutsche Herrschaft für Sowjetbürger bedeutete. Das spielte Stalin in die Hände. Für die Rotarmisten war Heimat jetzt die sowjetrussische Heimat, die Ideologie des Sowjetkommunismus wirkte viel glaubwürdiger als vor dem Krieg.

Ob in Konsaliks Romanen oder im Stalingrad-Buch des britischen Historikers Anthony Beevor, die Rotarmisten werden als grausam, primitiv und fanatisch beschrieben.

HELLBECK: In der westlichen Forschung tauchen immer wieder zwei Klischees auf. Erstens: Die Bolschewisten zwingen ihre Soldaten mit Maschinengewehrfeuer im Rücken zum Kämpfen. Tatsächlich haben die Sicherheitsorgane bei Stalingrad 98 Prozent der Fahnenflüchtigen einfach zurück an die Front geschickt, nicht mehr als 1000 wurden exekutiert.

Und zweitens?

HELLBECK: Gibt es da das unscharfe Bild vom Rotarmisten als chicksalergebenen Bauernsoldaten, dessen Gutmütigkeit sich in animalischen Hass verwandelt. Tatsächlich hat sich in den von mir ausgewerteten Protokollen kein einziger Rotarmist als Bauer bezeichnet. Während der Schlacht sind sehr viele Soldaten der Partei beigetreten, aber für sie bedeutete Kommunismus auch Kultiviertheit und Menschlichkeit, für sie waren die Deutschen die Barbaren.

Warum hat die Rote Armee die Schlacht um Stalingrad gewonnen?

HELLBECK: Die sowjetische Kriegsführung war variabler geworden, Stalin hörte mehr auf seine Generäle, die russische Zangenbewegung zur Einkesselung der Deutschen war kühn geplant und raffiniert wie zuvor viele deutsche Blitzkriegsoperationen. Das hatte nicht nur Hitler, sondern die Wehrmachtsführung insgesamt den Russen nicht mehr zugetraut. Und bei diesem Gegenangriff wurden massenhaft neue T-34-Panzer eingesetzt. Bis dahin hatten die Verteidiger enorme Nachschubprobleme, sie kämpften wirklich heldenhaft.

Was bedeutet Stalingrad heute?

HELLBECK: Für viele Deutschen ist Stalingrad bis heute ein einzigartiger Ort, das Schlachtfeld, auf dem man den Zweiten Weltkrieg verloren hat. In der russischen Erinnerung ist es eine der wichtigsten, aber nicht die einzige Schlacht, mit der der Krieg gewonnen wurde.

Gibt es einen Stalingrad-Dialog zwischen Russen und Deutschen?

HELLBECK: Ich hoffe, dass beide in einigen Jahren so über Stalingrad diskutieren, wie Franzosen und Deutsche über ihre Kriege gegeneinander. Beginnen sollte diesen Dialog die Politik, es wäre ein Erfolg, wenn dann die Historiker beider Länder eine Kommission gründeten, um gemeinsam Schulbücher über die Schlacht zu schreiben.

INFO Jochen Hellbeck lehrt an der Rutgers University in New Jersey/USA. Er hat bisher unveröffentlichte russische Gesprächsprotokolle mit sowjetischen Teilnehmern der Schlacht um Stalingrad ausgewertet und veröffentlicht: Jochen Hellbeck, Die Stalingradprotokolle, S.Fischer-Verlag, Frankfurt am Main, 2012.