Herr Professor Wolffsohn, Bundesverteidigungsminister Thomas de Maiziere hat davor gewarnt, die Erwartungen an den Sold in der neuen Berufsarmee zu hoch zu schrauben und appellierte an das Ehrgefühl. Verlangt er da zu viel von den Berufssoldaten?
MICHAEL WOLFFSOHN: Neben dem sozialen Prestige und den gesellschaftlichen Einflussmöglichkeiten war der Sold über Jahrhunderte hinweg ein bestimmender Attraktivitätsfaktor für Berufsoldaten aller Couleur in Berufsarmeen. Ehrgefühl ist für den Staatsbürger und Demokraten in Uniform richtig und wichtig. Aber in der Konsumgesellschaft des 21. Jahrhunderts werden sich viele potentielle Rekruten mehr von einer lukrativen Besoldung angesprochen fühlen als vom preußischen Pflichtethos. Wird den Soldaten die soziale Anerkennung versagt, wie des Öfteren in der jüngeren deutschen Geschichte, bleiben ihnen folglich nicht mehr viele Anreize. Darüber hinaus muss sich die besondere Gefährdung der Soldaten im Zuge der verschiedenen Einsätze auch in ihrer materiellen Absicherung widerspiegeln. Wer aufgrund von klammen Kassen vor den gesteigerten Kosten einer Berufsarmee zurückschreckt, braucht sich nicht zu wundern, wenn die Kasernen irgendwann leer stehen.

Warum gehen Menschen in eine Berufsarmee?
WOLFFSOHN: Wie bereits genannt, sind gesellschaftliches Ansehen und eine gute Besoldung die wesentlichen Anziehungskräfte für Menschen, Berufssoldat zu werden. Viele kommen auch aus demokratischer und patriotischer Überzeugung oder aus einem Interesse für moderne Technik. In früheren Zeiten waren auch gesellschaftliche Macht und ein bestimmender Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse ein großer Anreiz. In einem demokratischen Staatswesen wie der Bundesrepublik ist an so etwas jedoch nicht mehr zu denken.

Der Verteidigungsminister hat den Soldaten vorgeworfen, sie „gierten“ nach öffentlicher Anerkennung. Ist das nicht das Mindeste, was jemand erwarten kann, der im Berufsleben ein hohes Sterberisiko hat?
WOLFFSOHN: Unabhängig davon was der Minister damit ausdrücken wollte, ist es seine Aufgabe, die Soldaten öffentlich zu schützen und nicht sinnlos zu schelten. Mit dieser Aussage hat er den Soldaten einen Bärendienst erwiesen, als er darauf hinweisen wollte, dass sich das gesellschaftliche Ansehen der Bundeswehr in den letzten Jahren deutlich verbessert hat. Diese Erfolge müssen ausgebaut werden, um dem hohen Berufsrisiko des Soldatentums Rechnung zu tragen. Da nützt es nichts, den Soldaten eine Sehnsucht nach dem „Hotel Mama“ vorzuwerfen, wenn viele junge Soldaten bereits mindestens einen Auslandseinsatz in einem gefährlichen Krisengebiet absolviert haben.

Die Umsetzung der Bundeswehrreform findet tatsächlich nicht unbedingt im Fokus eines breiten Medien- und Bürgerinteresses statt. Ist das ein gutes Zeichen, weil alles reibungslos läuft, oder ein schlechtes – für mangelnde Aufmerksamkeit?
WOLFFSOHN: Es ist eher ein schlechtes Zeichen. Die Abschaffung der Wehrpflicht ist eine historische Zäsur, die den Bürgersoldaten durch ein professionelles Berufskämpfertum ersetzen wird. Die unentwegte Einbindung dieses neuen Soldatentypus in die demokratischen Strukturen unseres Staatswesens wird in Zukunft auch eine hohe gesellschaftliche Aufmerksamkeit verlangen, die derzeit fehlt. Nur so lässt sich ein Staat im Staate, der extremistisch unterwandert werden kann, dauerhaft verhindern.

Die gesellschaftliche Debatte kreist gegenwärtig vor allem um die Zukunft des Euro und der EU, um soziale Gerechtigkeit oder Bildungsfragen. Die Neuausrichtung der Bundeswehr als Armee im Einsatz spielt dagegen nur eine Nebenrolle. Ein Versäumnis der Politik?
WOLFSSOHN: Es ist logisch, dass in einem Land, welches nur von Freunden umgeben ist, die Bürger sich auf soziale und wirtschaftliche Probleme konzentrieren. Und da stehen die Angst vor einer kompletten Entwertung des Euros, das Schuldendesaster der europäischen Anrainer und die Gefahr für den eigenen soziökonomischen Besitzstand im Vordergrund. Sicherheitspolitische Themen werden in naher Zukunft diesen Fokus nicht auf sich ziehen können. Jedoch müssen die Politiker konsequenter die Notwendigkeit von bestimmten militärischen Einsätzen erläutern und der Bevölkerung vor Augen halten, warum internationale Friedensmissionen inzwischen ein fester Bestandteil der deutschen Realität sind. Nur so wird auch die gesellschaftliche Akzeptanz der Bundeswehr weiter wachsen können.

Zurück zu den Motiven der Berufssoldaten. Ist die Annahme berechtigt, dass die Bundeswehr vor allem junge Menschen anzieht, die im zivilen Bereich keine Perspektive haben?
WOLFSSOHN: Die 130 000 Unteroffiziere und Offiziere, die in der neuen Bundeswehrstruktur dienen werden, müssen gemäß den gültigen Einstellungsvoraussetzungen zumindest über die Mittlere Reife oder die Hochschulreife verfügen. Damit sind diese Soldaten in keinster Weise perspektivlos. Jedoch wendet sich die Bundeswehr seit 2011 verstärkt den Gering- oder Geringstqualifizierten zu, die auf dem freien Markt wenig Chancen haben, gutes Geld zu verdienen. Die Bundeswehr versucht damit die erheblichen Personallücken bei den Mannschaftssoldaten zu schließen, die die vorschnelle Aussetzung der Wehrpflicht gerissen hat und die sich in der Kürze der Zeit bisher nicht kompensieren ließ.

Die wirtschaftliche Situation in den neuen Bundesländern ist nach wie vor im Durchschnitt schlechter als im Westen. Sie haben schon früher auf den überproportionalen Anteil der Ostdeutschen hingewiesen. Bekommen wir nun erst recht eine Unterschichtenarmee, die vor allem Ostdeutsche zum Kämpfen und Sterben ausschickt?
WOLFFSOHN: Der überproportionale Anteil der Ostdeutschen in der Bundeswehr lässt sich primär natürlich auf die wirtschaftliche Situation in den neuen Ländern zurückführen. Dies gilt aber auch für die wirtschaftsschwachen Regionen im Westen, die in den mir zugänglichen Bundeswehrstatistiken nicht speziell erfasst wurden. Aus diesen Regionen in Ost und West kommen aber keine Horden von Unterschichten, sondern viele hoch qualifizierte Soldaten, die aus einem Mangel an Berufsperspektiven die Bundeswehr als Arbeitgeber vorgezogen haben oder vorziehen mussten. Der Minister hatte 2012 selbst darauf hingewiesen, dass der Anteil der süddeutschen Soldaten viel zu gering sei, eben aus jenen Regionen wie den Großräumen Stuttgart und München. Das Problem hierbei ist, dass die reichen Regionen in Deutschland folglich in der Bundeswehr unterrepräsentiert sind und damit eine gerechte militärische Risikoverteilung zwischen Ost und West bzw. Nord und Süd nicht mehr gegeben ist. Überspitzt ausgedrückt: Ostdeutsche sterben in den Einsätzen häufiger, weil Süddeutsche es sich leisten können, nicht zu dienen. Ich nenne das eine Gerechtigkeitslücke.

Die viele Jahre unentdeckte NSU-Mordserie hat gezeigt, dass Rechtsextremismus in diesem Land nicht nur ein Phänomen ist, das sich in politischen Aufmärschen, rechten Vereinigungen und Parteien sowie im Internet ziemlich offen äußert, sondern auch in bislang verborgenen Netzwerken und sogar in einer Terrorzelle. Wie anfällig ist die Bundeswehr für eine Unterwanderung von Rechts?
WOLFFSOHN: Die Bundeswehr wird, weil Militär, in unserer strukturell erfreulich pazifistischen Gesellschaft Rechtsextreme durch deren nationalistische und militaristische Ideologie automatisch stärker anziehen als eingefleischte Zivilisten oder gar Linksextreme und Islamisten. Die Selbstschutzmechanismen der Bundeswehr – MAD und politische Bildung in den Streitkräften – sind zum Glück derzeit immer noch sehr wirkungsvoll. Aber je stärker die Armee durch politische Entwicklungen von der Gesellschaft isoliert wird, umso stärker werden radikale Elemente angezogen und umso schwächer wird das Engagement von demokratischen Patrioten in den Streitkräften.

Wie ist denn die Erfahrung mit Berufsarmeen in anderen Ländern? In den USA zum Beispiel? Auch eine Armee der Perspektivlosen mit radikalem Gedankengut?
WOLFFSOHN: Das bisher Gesagte können Sie eins zu eins auf die USA und anderen Demokratien übertragen. Die Armee der israelischen Demokratie ist nicht zuletzt deswegen rein militärisch so gut, weil praktisch alle dienen müssen. Die Religiösen sind ein Sonderfall. Dadurch entsteht auch soziale Kontrolle. So lassen sich Gräueltaten zwar nicht ganz, aber doch weitgehend verhindern.

Sind Sie für eine Rückkehr zur Wehrpflicht?
WOLFFSOHN: Der Prozess ist politisch nicht mehr ad-hoc rückgängig zu machen. Guttenberg hat zur Selbstprofilierung diesen Schritt übers Knie gebrochen und der Armee keine Übergangszeiträume verschafft, ihren Personalkörper über vier bis fünf Jahre hinweg zu transformieren. Damit fehlte auch die notwendige Zeit, langfristige und vernünftige Strategien zur Personalgewinnung zu entwickeln und zu etablieren. Das Ergebnis: an manchen Standorten waren Anfang 2012 plötzlich kaum noch Mannschaftssoldaten im aktiven Dienst. Ziel muss es sein, das Kind, das in den Brunnen fiel, dort wieder heraus zu holen.

Wenn die Wehrpflicht nicht wieder eingeführt wird, muss die Gesellschaft dann hilflos mit ansehen, wie die Bundeswehr verkommt?
WOLFFSOHN: Geschichte ist immer ein ergebnisoffener Prozess. Eine starke, von der Gesellschaft geachtete, gut bezahlte und geschätzte Bundeswehr wird daher nicht Gefahr laufen, als Berufsarmee zu verkommen.