Interview Jörg Asmussen zu 10 Jahre Finanzkrise: „Der Herdentrieb gehört zum Menschen“

„Eine Bank kann auch geordnet untergehen“: Jörg Asmussen war zur Hochphase der Finanzkrise mittendrin.
„Eine Bank kann auch geordnet untergehen“: Jörg Asmussen war zur Hochphase der Finanzkrise mittendrin. © Foto: imago stock&people
Berlin / Guido Bohsem 15.09.2018
Jörg Asmussen, 2008 Staatsekretär, spricht über seine Erfahrungen bei der Bewältigung der Finanzkrise.

Jörg Asmussen war  2008 als Staatssekretär im Bundesfinanzministerium einer der wichtigsten deutschen Akteure in der Finanzkrise. Guido Bohsem sprach mit ihm über seine Erfahrungen.

Herr Asmussen, ein paar Monate vor der Lehman-Pleite haben führende deutsche Banker den damaligen Finanzminister Peer Steinbrück in die USA begleitet. Damals berichteten amerikanische Medien schon groß über die Immobilienkrise. Doch kaum jemand an Bord befürchtete größere Auswirkungen, schon gar nicht auf Deutschland und den Euro. Wie konnte das sein?

Jörg Asmussen: Ich denke, der Grad der globalen Vernetzung der Banken war damals nicht bekannt. Dass zum Beispiel US-Immobilienkredite bei deutschen Landesbanken auftauchen würden, hatte man nicht erwartet. Man meinte, die fördern die regionale Wirtschaft.

War es für Sie auch eine persönliche Niederlage, als die amerikanische Regierung Lehman Brothers am 15. September Pleite gehen ließen?

Nein, Beamte nehmen am besten nichts persönlich.

Wie lange hatten Sie bereits über den Schritt verhandelt?

Es war eine politische Entscheidung der US-Regierung, Lehman Brothers nicht zu retten. Das war nicht das Ergebnis von Verhandlungen.

Warum haben sich US-Finanzminister Hank Paulson und seine Leute nicht von den Warnungen der Europäer beeindrucken lassen?

Das war meiner Meinung nach eine bewusste politische Entscheidung, um zu zeigen, dass man nicht immer mit Steuerzahlergeld Banken rettet.

In den Tagen rund um die Lehman-Pleite waren Sie und ihre Kollegen im Dauereinsatz. Hatten Sie jemals das Gefühl von Kontrolle?

Ohne größenwahnsinnig zu sein: ich habe immer gedacht, die Stabilisierung des Finanzsystems kriegen wir gemeinsam hin.

Von wieviel Stunden Schlaf reden wir da pro Nacht im Schnitt?

Von für Körper und Beziehung ungesund wenigen.

Sie waren oft tagelang nicht Zuhause?

Zuhause geschlafen habe ich immer. Zum Teil war ich aber erst um zwei oder drei Uhr morgens zu Hause, und dann um sieben Uhr frisch geduscht und in neuem Hemd wieder los in Ministerium.

Gab es das Gefühl, wir müssen jetzt die Welt retten?

Nein.

Machte das eher Angst oder stolz?

Weder noch, man tut nach bestem Wissen und Gewissen seine Arbeit.

Nach welchen Kriterien trifft man in solchen Situationen Entscheidungen?

Es gab mehrere Kriterien: zunächst die Stabilität des Finanzsystems als Ganzes zu sichern. Dann galt es, das Vertrauen der Bürger in das Finanzsystem zu bewahren, zum Beispiel durch die Garantie der Spareinlagen. Und schließlich wollten wir natürlich auch möglichst sparsam mit Steuerzahlergeld umgehen.

Fühlen Sie sich der Krisentruppe von damals noch heute verbunden?

Sicher! Das verbindet ein ganzes Berufsleben lang, mit den Kollegen in ganz Europa oder auch mit Ex-Kollegen in den USA.

Treffen Sie sich noch?

Nicht als Gruppe, einzeln aber regelmäßig.

Was würden Sie anders machen?

Mit dem Wissen von heute würde man sicher mehr zum Instrument der Zwangskapitalisierung greifen, weniger zu freiwilligen Angeboten von Kapital.  Das heißt: härter eingreifen. Damals haben wir das aus ordnungspolitischen Gründen nicht getan.

Sie haben selbst auch oft mit Bankern verhandelt, etwa den Chefs der Hypo Real Estate. Gab es da Zerknirschung oder Einsicht?

Wie in jeder Berufsgruppe gibt es auch bei Bankern solche und solche…

Gier galt als wesentliche Ursache für die Krise. Ist Gier seither verpönt – oder hat sie sich ein neues Kleid zugelegt?

Gier ist aus meiner Sicht moralisch verpönt, aber sie existiert natürlich immer. Viel wichtiger ist es,  Anreizsysteme in Unternehmen so zu gestalten, dass sie sich am langfristigen und nachhaltigen Unternehmenserfolg orientieren. Das hat damals gefehlt.

Man könnte die Lehman-Pleite auch als Geburtsstunde der AfD begreifen. Warum ist es der Politik die Erklärung so schwer gefallen, dass sie mit den Banken auch das Vermögen und die Arbeitsplätze vieler Deutscher gerettet hat?

Soweit würde ich nicht gehen, aber der Ausdruck „Banken retten“ greift ja zu kurz. Was ist denn eine Bank? Vereinfacht gesagt, eine Organisation zur Transformation von Fristen und Risiken, aber ohne die Spareinlagen der Kunden eigentlich nur eine leere Hülle. Daher kann eine Bank auch geordnet untergehen, aber bitte wirklich geordnet und ohne eine Schockwelle im System auszulösen und auch ohne die Sparer zu schädigen. Ein gutes Beispiel dafür war hier die WestLB.

Hat die Finanzkrise die Eurokrise nur befördert oder wäre der Fall Griechenland ohnehin nur eine Frage der Zeit gewesen?

Die Ursache in der Griechenlandkrise war keine Bankenkrise, sondern eine Krise der zu hohen Staatsverschuldung und der fehlenden Wettbewerbsfähig. Die griechischen Banken waren anfangs okay, wurden aber im Verlauf der Krise in Mitleidenschaft gezogen.

Während der Finanzkrise erschien der Staat als einzig handlungsfähiger Akteur. Und im Endeffekt hat die Krise Deutschland nur kurzfristig mitgenommen. Trotzdem scheint vielen auch der Staat diskreditiert. Wie erklären Sie sich das?

In einer Krise braucht es einen handlungsfähigen öffentlichen Sektor, kurz Staat, einschließlich der Notenbanken. Mein Eindruck ist, dass das Vertrauen in den Staat im Zuge der Flüchtlingskrise 2015 bei manchen gelitten hat, als Kontrollverlust empfunden wurde. Um nicht missverstanden zu werden: Ich halte es für selbstverständlich, dass Kriegsflüchtlinge oder politisch Verfolgte in Europa Schutz bekommen.

Kein Produkt, kein Akteur und kein Finanzplatz sollte mehr unkontrolliert sein – zu wie viel Prozent trifft das inzwischen zu?

Das ist nicht zu beziffern. Es gibt jeden Tag tausende neue Finanzprodukte. Die Aufsicht ist besser geworden, aber es bleiben Probleme wie der Schattenbankensektor, Steueroasen oder die Geldwäsche.

In den USA hat man die Regulierung bereits wieder gelockert. Angesichts der Lage der deutschen Banken: Ist das Korsett womöglich zu eng?

Wer die Krise vor zehn Jahren miterlebt und daraus auch persönliche Schlüsse gezogen hat, kann einer Lockerung der Regulierung nicht zustimmen, auch wenn ausgehend von den USA ein Druck auf andere Standorte zu befürchten ist, es ihnen gleich zu tun.  Bezogen auf die deutschen Banken: Die Regeln sind für alle gleich, einige verdienen Geld, andere nicht. An den Regeln kann es also nicht liegen.

Kann es wieder passieren?

Es wird immer Finanzkrisen geben, da zum Beispiel der Herdentrieb zum Menschen gehört. Daher muss man das Finanzsystem als Ganzes robuster bauen, damit es mit Schocks und Krisen besser umgehen kann. Es ist aber unwahrscheinlich, dass in so kurzen Zeitabständen die Ursache wieder die gleiche sein wird. Das nächste Mal kommt es von woanders.

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