"Bürgermeister mit Dollarzeichen in den Augen"

Nabu-Vorsitzender Andre Baumann: Es gibt immer Zielkonflikte. Foto: Martin Lorenz
Nabu-Vorsitzender Andre Baumann: Es gibt immer Zielkonflikte. Foto: Martin Lorenz
WILHELM HÖLKEMEIER 30.08.2013
Der Konflikt zwischen Artenschutz und Windkraftausbau muss nicht sein, sagt Nabu-Landeschef Andre Baumann im Interview. Es gebe in Baden-Württemberg genügend geeignete Standorte für Windräder.

Herr Baumann, der Konflikt zwischen Windkraftausbau und Artenschutz spitzt sich zu. Wird da nicht viel Energie auf einem ökologischen Nebenkriegsschauplatz vergeudet?

ANDRE BAUMANN: Die Energiewende und der Ausbau der Windkraft sind unvermeidlich. Aber es gibt immer Zielkonflikte. Da sind Kompromisse notwendig im Genehmigungsverfahren. Es gibt in Baden-Württemberg genügend Standorte zum Bau von Windanlagen, mit denen wir die Energiewende voranbringen können.

Oft ist der Schutz des Rotmilans ausschlaggebend für die Nichtgenehmigung eines Standorts. Wie gefährlich sind Windräder für Greifvögel?

BAUMANN: Deutschland hat eine besondere Verantwortung für den streng geschützten Rotmilan. Der weltweite Verbreitungsschwerpunkt ist Deutschland. Hauptgrund für den Rückgang des Rotmilans ist die Intensivierung der Landwirtschaft. Aber viele Studien zeigen, dass Rotmilane durch Windkraftanlagen zu Tode kommen können, weil sie in der Höhe der Rotoren Nahrung suchen. Sie zählen zu den häufigsten Kollisionsopfern.

Welche Rolle spielt der Schutz von Fledermäusen noch?

BAUMANN: Auch die sind gefährdet. Der Konflikt wurde aber entschärft durch Abschaltalgorithmen, die dafür sorgen, dass Windräder nachts bei bestimmten Witterungsbedingungen und in bestimmten Jahreszeiten abgeschaltet werden. So kann man die Kollisionsrate deutlich verringern.

Fehlt es noch an Forschung und Monitoring in dem Bereich?

BAUMANN: Da hat die Vorgängerregierung in Baden-Württemberg leider gespart. Wir müssen jetzt auch beim Ausbau der Windkraft Naturschutz im Blindflug betreiben. Das rächt sich durch eine Planungsunsicherheit für Kommunen und Betreiber. Die LUBW (Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz) und das Land arbeiten mit Hochdruck daran, die fehlende Datengrundlage zu erstellen.

Es werden jetzt Abstriche beim strengen Artenschutz gefordert, um die Energiewende voranzubringen. . .

BAUMANN: Beim Artenschutz können keine Abstriche gemacht werden. Das ist europäisches Recht. Da müsste die seit mehr als 20 Jahren geltende EU-Vogelschutzrichtlinie geändert werden, das sehe ich nicht. Es ist auch unnötig, weil wir in Baden-Württemberg genügend windhöffige (ausreichend windreiche, d. Red.) Bereiche haben, in denen nicht Rot- und Schwarzmilan, Schwarzstorch oder Auerhuhn leben. Die Energiewende ist möglich ohne Konflikt mit dem Artenschutz.

Werden vor Ort bei den Entscheidungen über Standorte manchmal falsche Prioritäten gesetzt?

BAUMANN: Auf jeden Fall. In manchen Fällen versuchen die Gemeinden, um Pachteinnahmen zu erzielen, in erster Linie auf gemeindeeigenen Flächen Anlagen zu errichten. Und nicht auf den windhöffigsten Flächen, die anderen gehören. Nicht selten handelt es sich dann um Gemeindewälder. Und dann wird, weil der Bürgermeister Dollarzeichen im Auge hat, beim Artenschutz nicht so genau hingesehen. Das rächt sich, wenn am Ende die Genehmigung nicht erteilt wird.

Info Der Diplom-Biologe Andre Baumann (40) ist seit 2008 Vorsitzender des Nabu (Naturschutzbund) Baden-Württemberg.

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