Kommentar André Bochow zu Rettungseinsätzen im Mittelmeer „Aquarius“: Rettung von Leben nicht verhandelbar

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Berlin / Von André Bochow 08.12.2018

Für die AfD-Frontfrau Alice Weidel ist es eine gute Nachricht, dass das private Rettungsschiff „Aquarius“ künftig nicht mehr Menschen vor dem Ertrinken im Mittelmeer bewahrt. Schließlich seien Seenotretter, laut Weidel, Helfer krimineller Schleuser und dafür verantwortlich, dass sich Flüchtlinge überhaupt auf den Weg machen. Man kann es auch anders sagen: Lasst die Menschen doch so lange ertrinken, bis alle Fluchtwilligen begreifen, dass sie bei uns in Europa nichts zu suchen haben.

Dass solcher Zynismus durchaus beklatscht wird, kann man an Online-Meldungen zum Thema „Aquarius“ erkennen. Diskussionsforen mussten wegen unflätiger und hasserfüllter Kommentare geschlossen werden. Regt sich noch jemand darüber auf? In Politik und Gesellschaft herrscht weitgehend Gleichgültigkeit. So wie mit großem Gleichmut hingenommen wird, dass die EU das Flüchtlingsproblem unter anderem nach Libyen verlagert. Dort wird in den Lagern hingerichtet, gefoltert, vergewaltigt und es gibt Sklavenmärkte. Nach der Logik der Seenotrettungs-Gegner sollte man diese Zustände vermutlich nicht kritisieren, weil die libyschen Lager mindestens so abschreckend sind wie das Ertrinken im Meer.

Man kann über Umfang von Migration und über die Möglichkeiten von Integration streiten. Das muss man sogar, wenn man zu einem gesellschaftlichen Konsens kommen will. Aber seit wann ist die Rettung von Menschenleben verhandelbar? Und stört es wirklich niemanden mehr, am Mittelmeer Urlaub zu machen, wenn dort tausende Leichen im Wasser treiben? Gleichgültigkeit kann töten. Eine Binsenweisheit. Aber Gleichgültigkeit zerstört auf Dauer uns selbst.

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