Zehntausende Briten haben in London für den Verbleib ihres Landes in der EU protestiert. Die Demonstranten trugen bei ihrem Protestmarsch am Samstag Europaflaggen mit sich, riefen „Ich liebe die EU“ und verlangten, der Brexit solle ungeachtet der Mehrheit beim EU-Referendum abgewendet werden. Der Demonstrationszug in London zog sich über Stunden durch die Innenstadt und endete vor dem Westminister-Parlament. Laut Organisatoren nahmen bis zu 40.000 Menschen teil, darunter viele junge Leute.

Viele Teilnehmer meinten, die Brexit-Mehrheit am 23. Juni sei nicht zuletzt durch Falschinformationen und unehrliche Versprechen des Austritts-Lagers zustande gekommen. Das Parlament solle das Votum des Referendums aufheben, oder die Regierung solle in Brüssel keinen Antrag auf Austritt stellen.

Inzwischen haben rund vier Millionen Briten eine Online-Petition für ein zweites Referendum unterschrieben. Allerdings hat das zuständige Komitee im Unterhaus Zweifel geäußert, ob alle Unterschriften gültig seien. Die derzeit entscheidenden Politiker in London betonen, das Votum von 17 Millionen Briten (rund 52 Prozent) für den EU-Austritt müsse umgesetzt werden.

Innerhalb der Parteien geht es gut eine Woche nach dem Referendum drunter und drüber, bei den Konservativen wie der Labour-Partei steht ein Showdown um die Führung bevor. Die „Times“ spricht von einer „Woche der lange Messer“. Bei den Konservativen gilt Innenministerin Theresa May (59) als Favoritin für die Nachfolge von Premierminister David Cameron, der in den nächsten Monaten zurücktreten will. Hinter ihr stünden mit Abstand die meisten Abgeordneten, berichten Medien. Die als resolut und durchsetzungsfähig geltende Politikerin, die für den Verbleib in der EU plädierte, sich aber im Wahlkampf eher bedeckt zeigte, präsentiert sich als Versöhnerin der zerstrittenen Parteiflügel. Allerdings berichten Medien, die Unterstützung für Energieministerin Andrea Leadsom (53) nehme zu. Sie hat den Vorteil, für den Brexit gewesen zu sein. Dagegen schwinde die Unterstützung für Justizminister Michael Gove (48).

Fünf Kandidaten stehen zur Wahl, die Abgeordneten beginnen am Dienstag mit dem Auswahlverfahren. Wenn zwei Kandidaten gefunden sind, können die Parteimitglieder abstimmen. Bis September soll das Personalproblem gelöst sein.

Schwierig sieht es bei Labour aus. Zwar signalisierte der linke Parteichef Jeremy Corby Gesprächsbereitschaft gegenüber Kritikern, betonte aber, dem Rücktrittsdruck nicht nachzugeben. Seine Kritiker müssten akzeptieren, dass die Partei ihn vor neun Monaten mit breiter Mehrheit gewählt hat. Parteiinterne Gegner fürchten, mit Corbyn künftige Wahlen zu verlieren. Sie werfen ihm vor, sich beim Referendum nicht energisch genug für den Verbleib in der Union eingesetzt zu haben.